assimilationswillige Ausländer in der Regel als Menschen rasch akzep- tiert wurden, liess man der Assimilation die Integration, die rechtliche Gleichstellung, nicht folgen. Das heisst, dass die Liechtensteiner nach wie vor glaubten, die Ausländer hätten sich nur auf Zeit hier nieder- gelassen, sie würden Liechtenstein einmal wieder verlassen und sie könnten im Notfall dazu gezwungen werden. Die geschichtliche Betrachtung zeigte uns aber, dass Einwanderung wie Auswanderung Komponenten eines dauernden geschichtlichen Prozesses und menschlicher Kulturentwicklung überhaupt sind und dass dieser Prozess im Laufe der Neuzeit eine Beschleunigung und Aus- weitung erfahren hat, denen sich Liechtenstein nicht entziehen kann. Dass gerade Liechtenstein von dieser wachsenden Fluktuation der mo- dernen, offenen Gesellschaft stärker als andere Länder betroffen wird, ergibt sich schon aus seiner Kleinräumigkeit. In andern Ländern er- scheinen Wanderungen viel grösseren Umfangs als jene, die heute Liech- tenstein einen so hohen Ausländeranteil bescheren, als blosse Binnen- wanderungen, als gerade noch registrierter Zug in stärker entwickelte Landesteile oder in die Stadt. Das kleine Liechtenstein ist damit auch demographisch in stärkere Gravitationsfelder geworfen, mit Auswir- kungen auf alle Bereiche und nicht zuletzt auf das traditionelle Selbst- verständnis der Liechtensteiner. Dieses Selbstverständnis unterlag im Laufe der Geschichte zwar politisch beträchtlichem Wandel — vom landesherrlichen Untertanen zum selbstbewussten Bürger —, doch die selbstverständliche Zugehörigkeit zur engen «Gemeinschaft der Liech- tensteiner» wurde im Laufe der Neuzeit nie ernsthaft in Frage gestellt, sie fiel einfach genug mit den Landesgrenzen zusammen. Gerade das ist heute nicht mehr in gleicher Weise der Fall und daher rührt wohl ein Teil jener Verunsicherung, welche die Liechtensteiner seit einiger Zeit im Zusammenhang mit der Ausländerfrage befällt. Der Blick auf die Geschichte bringt keine bewährte Patentlösung. Gegenwart und Zukunft sind nicht die geradlinige Fortsetzung der Ver- gangenheit. Indessen kann die Geschichte den Liechtensteinern — und den Ausländern — helfen, die Voraussetzungen und das Spezifische ihrer Situation zu erkennen und sie historisch zu relativieren. 47
        

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