der Hungertücher zeigen jedoch, dass auch beim katholischen Kirchen- volk die symbolische Bedeutung der Altarverhüllung nicht mehr ver- standen wird. Immer mehr wird das anfänglich schlichte und einfarbige Tuch in barocker Erzählfreude mit Bildern geschmückt, so dass sein liturgischer Sinn schliesslich ganz in den Hintergrund tritt. Die Bemalung wird all- gemein üblich. Farbige Schilderungen biblischen Geschehens in grosser Zahl beschäftigen das Auge des Betrachters. Der Busscharakter des Brauches, der in einer «Askese der Augensinnlichkeit»18 bestanden hat, verschwindet aus dem Bewusstsein der Gläubigen. Das Fastentuch ist zur Bilderbibel für das Volk und zu einem blossen Symbol für die herr- schende Fastenzeit herabgesunken. Es kann noch zur Belehrung und frommen Betrachtung dienen, ist aber seines eigentlichen Sinnes ent- leert.19 Trotzdem hält es sich hauptsächlich in bäuerlichen, konservati- ven Gegenden bis ins 19. Jahrhundert. Versuche neuerer Zeit, den Brauch der Aufhängung des Fastentuches aufleben zu lassen, blieben ohne Erfolg, da sie im Gegensatz stehen zu den Erneuerungsbestrebun- gen der Kirche, die die Opferfeier für den Gläubigen verständlicher machen will und den Gedanken der Mahlgemeinschaft wieder auf- nimmt. Man denke in diesem Zusammenhang etwa an die Messfeier gegen das Volk, die Verwendung der Volkssprache und die neuen An- sätze im Kirchenbau mit der Tendenz, die Trennung zwischen Priester- und Laienraum aufzuheben. DIE HERKUNFT Das Benderer Hungertuch wurde der Überlieferung zufolge von zwei Jungfrauen aus dem Haag der Kirche von Bendern geschenkt.20 Woher 18 Emminghaus, a. a. O., S. 23. 19 Emminghaus, a. a. O., S. 26. Die Rendensart «am Hungertuch nagen» taucht seit Anfang des 16. Jahr- hunderts auf. Dabei ist das «nagen» wohl eine Verdrehung von najen = nähen. Diese Deutung wird nahegelegt durch die Rendensart: «Am Hunger- tuch flicken». Der Name Hungertuch ist gerechtfertigt durch die Strenge der früheren Fastengebote. Es gibt gestickte und bedruckte Fastentücher. Schliesslich wird die Bemalung allgemein üblich. 20 Johann Baptist Büchel, Die Geschichte der Pfarrei Bendern, JBL 23, 1923, S. 21 u. S. 50. 146
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.