alle Bodenerzeugnisse, so dass von jeder beliebigen Frucht der Zehnt entrichtet werden musste. Erst als an diesen beiden Prinzipien gerüttelt wurde, kam das Zehntwesen ins Wanken. Vorgängig einer eingehenden Schilderung der Zehntverhältnisse in Liechtenstein sollen deren Auswirkungen auf die Landwirtschaft kurz geschildert werden. Die Zehntabgabe war auch für den Bauern im Fürstentum eine drückende Last, nicht so sehr wegen der Grösse der Abgabe als vielmehr wegen deren hemmenden Wirkungen. Wurde Neuland durch Rodung gewonnen, so meldeten sich die Zehntherren sofort als Mitteilhaber am Fruchtertrag. Der Anbau neuer Gewächse wie z. B. der Kartoffel wurde vom Zehntherrn anfänglich nicht gerne gesehen; schliesslich wusste er sich durch den Kartoffelzehnten schad- los zu halten. Der Bauer fühlte sich in seiner landwirtschaftlichen Tä- tigkeit auf Schritt und Tritt eingeschränkt. Der Zehnt hatte eine hem- mende und lähmende Wirkung auf die Landwirtschaft und war mit den geistigen und wirtschaftlichen Neuerungsbestrebungen des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts nicht mehr vereinbar. Was sollte der Bauer besondere Bodenverbesserungen anstreben, wenn diese die Zehnt- belastung sofort vergrösserten? Auch der Kulturwechsel war durch den Zehnten verunmöglicht, da kein Anbauland ohne Bewilligung des ( Zehntherrn in seiner Natur und Bestimmung verändert werden durfte. Eine freie Benützung des Landes war so unmöglich. Nicht zuletzt auf- grund des Zehntwesens kam es dazu, dass dieselben Grundstücke im- mer wieder dem Gras- und Ackerbau dienten, und somit der Ertrag in Qualität und Quantität den Bauern kaum zufriedenstellen konnte. Der Zehnt als im Mittelalter am weitesten und gleichmässigsten ein- geführte Grundbelastung bestand im Grosszehnt, Kleinzehnt, Blutzehnt und Neugereut- oder Novalzehnt. Als Grosszehnt wurden Acker- und Wiesenerträge, insbesondere aber jene Fruchtarten verstanden, aus denen Mehl erzeugt wurde, wie Spelzkom, Gerste, Weizen, Roggen, Mais und Hafer. Der Kleinzehnt umfasste ursprünglich Garten- und Baumfrüchte, wie Kartoffeln, Obst, Rüben und Hanf, sowie den Wein.80 Der Blutzehnt, für alle «zur Haus und Feldwirtschaft gehörigen Vieh- arten» zu entrichten, bestand in Liechtenstein im 19. Jahrhundert nicht mehr.81 Der Novalzehnt erfasste den Ertrag von neu urbar gemachten 60 Die Angaben über die Zehntverhältnisse in Liechtenstein sind zur Haupt- sache entnommen aus einer «Berechnung der reinen Nutzungs-Erträgnisse bei den verschiedenen Frucht- und Weinzehenten in wieweit die hohe Obrigkeit bei dezjselben als Theilnehmerin eintritt, in einem 22-jährigen Durchschnitt, nämlich durch die Jahre 1826 bis einschlüssig 1847 berech- net. Nebst den nothwendigen — vorläufig angefügten Bemerkungen.» (LRA NR 106 b. 20 März 1861). — In den alten Rentrechnungen und ande- . ren Quellen aus dieser Zeit wird oft der «Weinzehnt» eigens neben Gross-, Klein- und Novalzehnt aufgeführt. 61 Vgl. Schädler, Landtag, JBL 1 (1901), S. 98. 100
        

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