zeigte sich nun eine Gliederung nach unterschiedlichen Funktionen: Dienstadel, Klerus, Kriegerstand, Bürgertum und Bauernstand.4 Der Herrschaftsgedanke prägte wesentlich die Ordnung des mensch- lichen Zusammenlebens im deutsch-germanischen Raum. Die Agrar- verfassung beruhte zu einem grossen Teil auf der Grundherrschaft, «einer spezifischen, und zwar vielgestaltigen Ausprägung des Herr- schaftsbegriffes, der Herrschaft über Land und die darauf hausenden Menschen.»3 Herr und Mann (Gefolgschaft) standen in einem wechsel- seitigen Verhältnis auf der Basis der Treue. Der Mann war zur Folge, zur Hilfe, zum Dienst verpflichtet, der Herr zu Schutz und Schirm. Neben Haus-, Schutz-, Gerichts-, Stadt- und Landesherrschaft u. a. war die Grundherrschaft nur eine der Formen, in denen sich der Herrschafts- begriff als einheitliche Grundauffassung realisierte. Die Grundherrschaft, die die Agrarverfassung wesentlich bestimmte, beruhte auf dem Herreneigentum an Land, die Leibherrschaft auf dem Herreneigentum an Menschen, auf Fakten, die in Wirklichkeit oft mit- einander verbunden waren. Dabei handelte es sich aber nicht um Ei- gentum im heutigen Sinne. Das grundherrliche Land stand lediglich in der «Gewere» (= tatsächliches Innehaben einer Sache) des Herrn, und Leibherrschaft war nicht Sklaverei. Beide Formen von Herreneigentum begriffen neben einer wirtschaftlichen auch eine soziale und politische Machtposition. In wirtschaftlicher Hinsicht bedeutete Grundherrschaft, dass das grundherrliche Land, aber auch Mühlen, Tavernen, Brauereien und andere gewerbliche Betriebe zwecks Bewirtschaftung verliehen wurden. Als Gegenleistung erhielt der Grundherr einen Anteil am Er- trag in Form von Abgaben und eventuell auch verschiedene Dienst- leistungen von sehen des Grundholden. In rechtlicher Hinsicht erfor- derte die Grundherrschaft die Ausbildung eines Lehnrechts und eines vom Eigentum losgelösten Nutzungsrechtes. Mit zunehmender sozialer und wirtschaftlicher Differenzierung kam es zu einer Aufspaltung des Eigentums in Obereigentum (dominium directum) und Untereigentum (dominium utile). Die Grundherrschaft beruhte auf einer personalrecht- lichen Beziehung, die wenigstens formal bis zur Aufhebung dieser ge- samten Ordnung im Zuge der Bauernbefreiung aufrechterhalten wurde. Die ursprünglich persönlichen Bindungen traten im Verlauf der Ent- wicklung immer mehr hinter die rein sachlichen Verpflichtungen und Rechte zurück. All die vielen Abgaben und Leistungen wurden bald 4 Bei den hier gegebenen skizzenhaften Ausführungen über die soziale und wirtschaftliche Kultur in der Karolingerzeit und die weitere Entwicklung der Agrarverfassung folge ich Lütge, Wirtschaftsgeschichte, S. 49 — 79. Vom selben Autor (Geschichte der deutschen Agrarverfassung vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert, Stuttgart 
21967) wird die gesamte, weit ausgreifende Thematik ausführlich dargestellt. 5 Lütge, Wirtschaftsgeschichte, S. 55. 85
        

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