Geburten- und vermutlich auch die Heiratsziffern stark abnahmen. Insgesamt zeigt sich eine enge Wechselwirkung zwischen natürlicher Bevölkerungsbewegung und Wirtschaftsentwicklung. Günstige wirt- schaftliche Voraussetzungen zeitigen höhere Geburtenüberschüsse, während sie in schlechten Zeiten zurückgehen. Die rückläufige Ent- wicklung des Geburtenüberschusses in der ersten Jahrhunderthälfte dürfte mit der zunehmenden Erschwerung des Lebensunterhaltes und der immer stärker auftretenden saisonmässigen Auswanderung zu sam- menhängen. Auch epidemische Krankheiten, Kriegs- und Hungerszeiten unterbrechen oft abrupt das natürliche Wachstum.71 Dennoch resultiert in der Zeit von 1789 bis 1852 mit jährlich durchschnittlich 8 Promille ein ziemlich hoher Geburtenüberschuss. — Während der ersten grossen Abwanderungsbewegungen (1852 —1891) beträgt der Geburtenüber- schuss trotz leicht abnehmender Sterblichkeit nur noch die Hälfte. Die dritte Periode eines allgemeinen wirtschaftlichen Aufstiegs (1892 —• 1921) wird gekennzeichnet durch verstärktes Ansteigen der Geburten- ziffer und des Geburtenüberschusses, begleitet von einer weiterhin ab- sinkenden Sterblichkeitsziffer. Wie weit der Staat Einfluss auf das natürliche Wachstum der Bevöl- kerung hatte, ist nicht genau abzuklären. 1804 wurde der politische Ehekonsens' eingeführt, um die Verehelichungen unter Kontrolle zu bringen: «damit nicht durch Ehen solcher Menschen, die weder Ver- mögen haben noch eine Profession betreiben, der Armutsstand ver- mehret und mit diesen noch mehr anderes Unheil veranlasst werde.»73 1842 wurde erneut eine Verordnung betr. Erteilung von Heiratslizenzen erlassen.74 Je nach Handhabung bot sie Gelegenheit, auf die Zahl der jährlichen Heiraten einzuwirken. Eine strenge Auslegung der Bestim- mungen konnte zwar Eheschliessungen, nicht aber Geburten verhin- dern. Wie in anderen Staaten förderte eine Heiratserschwerung nur die Sittenlosigkeit.75 Das kann für mehrere unglückliche Einzelschicksale an Regierungs- und Kriminalakten nachgewiesen werden. 71 Am Beispiel der Gemeinde Balzers weist Gerhard Wanner in seinem Auf- satz «Aspekte zur Liechtensteiner Wirtschafts- und Sozialgeschichte um 1800», JBL 70 (1970), S. 468 f. nach, dass die Bevölkerungsbewegung «auf sehr lokale, zeitlich abgegrenzte, politische und kriegerische Ereignisse» reagiert. Balzers zeigt 1796 (Pockenepidemie), 1799 (Franzosen in Liechten- stein), 1801 (Typhusepidemie) eine negative Geburtenbilanz. — Vgl. hiezu auch die Tabellen im Anhang Nr. 20 — 23. 72 Text der Verordnung siehe Anhang Nr. 24, S. 70. 73 Anhang Nr. 24, S. 70. 74 Text siehe Anhang Nr. 25, S. 70 f. 75 Vgl, Bickel Bevölkerungsgeschichte, S. 153 - 156. 55
        

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