Die bedeutenden liechtensteinischen Industriebetriebe des 19. Jahr- hunderts gehörten ausschliesslich der Textilbranche an. Einige wenige kleine Unternehmen, die nur mit Vorbehalt als Industriebetriebe be- zeichnet werden können, waren anderen Industriezweigen zuzurechnen. Das erste 1861 entstandene Unternehmen beschäftigte in seinem Grün- dungsjahr 21 Arbeiter.3 1874 standen bereits drei Betriebe, alles Baum- wollwebereien, mit insgesamt 250 Arbeitern und 471 Webstühlen. Die jährliche Lohnauszahlung dieser Fabriken betrug ca. 90'000 Gulden.4 1890 wurde der Jahresverdienst der in Liechtenstein tätigen Industrie- arbeiter mit 250'000 fl geschätzt.5 Vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges erreichte die Zahl der Industriearbeifer mit etwa 700 einen ersten Höhe- punkt, der erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder erreicht und überschritten wurde.6 Diese wenigen Zahlen unterstreichen die Bedeutung der Industrie für die liechtensteinische Wirtschaft. In den Fabriken fanden viele Liechtensteiner Arbeit, die sonst keine Verdienstmöglichkeit gehabt hätten und zur Auswanderung gezwungen gewesen wären. Der Über- gang des Fürstentums vom Agrar- zum Industriestaat war die einzige Möglichkeit, mehr Einwohnern bessere Existenzgrundlagen zu schaffen. Die Industriebetriebe des Landes waren völlig einbezogen in den Konjunkturverlauf des Zollvertragspartners Österreich. Auch die Ent- wicklung der schweizerischen Textilindustrie wirkte sich direkt auf die liechtensteinischen Verhältnisse aus, standen doch die bedeutend- sten Betriebe des Landes als Eigentum schweizerischer Unternehmer in enger wirtschaftlicher Bindung mit den älteren Mutterbetrieben auf eidgenössischem Boden.7 Wie in den Nachbarländern war demnach die industrielle Entwick- lung in Liechtenstein gekennzeichnet durch eine rapide Aufwärtsbewe- gung bis zu Beginn der 70-er Jahre, an die sich bis etwa 1890 eine höchst unruhige wirtschaftliche Periode anschloss. In kurzen Zeitab- Europa allmählich zu Ende ging, nahm diese Auswanderung bedeutendere Proportionen an. Die Errichtung von Filialunternehmen im Ausland war für viele schweizerische Industrielle die einzige Möglichkeit, der gegen sie gerichteten Zoll- und Handelspolitik der verschiedenen europäischen Staaten zu begegnen. — Vgl. Bodmer, Industriegeschichte, S. 327. 3 LRA 1861/35/28. 21. Juni 1861. Arbeiterverzeichnis. 4 LRA 1874'Nr. 64. SF Zollsachen. Angaben der liechtensteinischen Industrie- betriebe. 5 HKW H 1665. o. Nr. Dez. 1890. Rechenschaftsbericht des Landesverwesers Carl von In der Maur über die Verwaltungsperiode 1884 — 1890. 6 LRA 1912/Nr. 1766. 27. Juni 1912. Bericht des Gewerbeinspektorats. - Über die Entwicklung der Anzahl der Arbeiter und Maschinen in der liechtensteinischen Textilindustrie. Vgl. Anhang Nr. 67 u. 68, S. 214 f. 7 Vgl. dazu unten, S. 270 - 274. 263
        

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