Es ist begreiflich, dass man im angrenzenden Liechtenstein die eigene Interniertenfrage gleichfalls vom außenpolitischen Gesichts- punkt mit allen Konsequenzen betrachten musste. In diesem Sinne er- folgte eine inoffizielle Anfrage der liechtensteinischen Regierung, ob die Schweiz nicht im Anschluss an ihre Verhandlungen mit der Sowjet- delegation auch die in Liechtenstein internierten Sowjetbürger zwecks Klärung der Repatriierungsfrage übernehmen wolle. Der Schweizer Bundesrat lehnte dieses jedoch ab.1 Nun machte die liechtensteinische Regierung der Sowjetdelegation den Vorschlag, nach Liechtenstein zu kommen, um hier eine dem Völkerrecht entsprechende Regelung zu finden. Daraufhin erschien Mitte August eine dreigliedrige Kommission unter einem Obstlt. Nowikow in Vaduz. In einem dieser Offiziere er- kannte ein Internierter, der in der NKWD gedient hatte, einen Ange- hörigen dieser Organisation.2 Der Standpunkt der sowjetischen Kom- mission war, dass sämtliche Sowjetbürger, die vor dem 20. 2. 1941 in Russland gewohnt hatten, in ihre Heimat zurückgeführt werden sollten. Die Zahl der Internierten in Liechtenstein betrug damals 260 Männer und 20 Frauen. Der grösste Teil von ihnen waren Sowjetbürger. Am 16. 8. wurden alle Russen im Vaduzer Rathaussaal versammelt, und die Sowjetoffiziere forderten sie auf, sich freiwillig zur Rückkehr nach Russland zu melden. Die Sowjetunion würde volle Amnestie ge- währen. Man würde davon Abstand nehmen, gegen diejenigen, 'die gegen die Rote Armee gekämpft hätten, vorzugehen. Ausgenommen seien nur Kriegsverbrecher.3 Die Mehrzahl der Internierten verhielt sich ablehnend. Nur etwa 80 Personen meldeten sich zunächst zur Rück- kehr.4 Nach diesem Misserfolg verlangte die Sowjetdelegation, dass die Russen auch gegen ihren Willen auszuliefern seien. Die liechtenstei- nische Regierung lehnte dieses ab. Eine Anfrage von Regierungschef- 1 LRA, Nr. 230/43, «Russ. Internierte»; die liechtenstein. Gesandtschaft in Bern an die liechtenstein. Regierung v. 30. 7. 1945. 2 Die russische Zeitschrift «Tschassowoi» in Brüssel, Februar 1948. 3 LRA, Protokoll der Landtagssitzung v. 18. 8. 1945. 4 Die Zahl der freiwilligen Rückwanderer stieg dann auf 102 Personen. Sie wurden am 21. 8. 1945 durch die Sowjetkommission über die Schweizer Grenze bei St. Margrethen abtransportiert. Auch von ihnen ist nie eine Nachricht eingetroffen. Zwei weitere Internierte folgten der Sowjetdelegation im September 1945 in die Schweiz. LRA Nr. 230/43, «Russ. Internierte». 81
        

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