So vollzog sich zwischen diesen beiden inneren Fronten in Deutsch- land ein über drei Jahre währendes, sich steigerndes Ringen. Es war ein Kampf gegen Unwissenheit und unreale Ideologien, gegen frevelhafte Anmassung und eine Moral, die sich vom Christentum be- wusst gelöst hatte. Aus dieser Auseinandersetzung erwuchs bei einer Gruppe von Offizieren des Oberkommandos eines der wesentlichen Momente, die zum Attentat vom 20. Juli 1944 führten. Sein Scheitern bedeutete einen schweren Rückschlag auch für die russische Befreiungs- bewegung. «Eine so günstige Gelegenheit, die Sowjetherrschaft in Russ- land zu stürzen, wie sie sich 1942 und selbst noch 1943 bot, kann sich niemals mehr wiederholen. Damals wurde die ganze Möglichkeit zer- stört, durch Stumpfsinnigkeit, Unbildung und Begehrlichkeit, die für die Herrschaft einer Partei bezeichnend sind.»1 Die Chance für eine Erhebung gegen das stalinistische System war endgültig verpasst, was viele Verfechter der Befreiungsbewegung zunächst noch nicht glauben wollten. Durch einen Befehl Hitlers vom 19. 9. 1943 mussten russische Freiwilligen-Einheiten gegen die Westalliierten sowohl in Frankreich als auch in Italien eingesetzt werden. Man hat Wlassow vorgeworfen, er habe sich von nationalsozialistischer Seite dazu bewegen lassen, einen Aufruf zu unterschreiben, der die Russen aufforderte, im Osten gegen die Kommunisten und im Westen gegen «die westlichen Kapita- listen und Plutokraten zu kämpfen.»2 Tatsächlich jedoch geschah der Einsatz der russischen Einheiten sowohl gegen den Willen der Freiwil- ligen, als auch gegen den General Wlassows, der wohl für die Auf- stellung dieser Truppen geworben hatte, aber keine Kommandogewalt über sie besass. Die Folge war eine Diffamierung dieser russischen Truppen und Wlassows in der Beurteilung der Westalliierten. 1 Chuhnov, Nicholas, «W smjatennye gody» (in den Jahren der Verwirrung) New York 1967, S. 39. 2 Kaschirin im Vorwort von Holmston-Smyslowsky, S. 9. Dagegen erklärt der damalige deutsche Hauptmann d. R. Strik-Strikfeldt, der General Wlassow gut kannte, dass dieser «eindeutig die Linie vertrat, dass die Russen nichts im Kampf gegen Engländer, Amerikaner und Franzosen im Westen zu suchen haben.» Strikfeldt weist darauf hin, dass nationalsozialistische Stellen die Tendenz: «Kampf gegen die Plutokraten im Westen» betrieben und möglicherweise «sogar in solche Aufrufe hinein lancierten.» (Brief an den Verfasser v. 14. 5. 1971). 57
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.