Um die bitterste Not der Flüchtlingsmenge, unter der sich viele alte Leute, Frauen und-Kinder befanden, zu lindern, wurde am 26. April beim Zollamt Schaanwald eine Verpflegungsstelle eingerichtet. Sie war das Werk des Frauenvereins und der Pfadfinder und Pfadfinderinnen, unterstützt durch die Regierung. Unter Leitung der Fürstin Georgine wurden die Flüchtlinge neben dem Schulplatz verpflegt. Hierbei halfen auch die Prinzessinen des fürstlichen Hauses dauernd mit. Man verab- folgte laufend Suppe, Milch, Brot und Dörrobst.1 Der Kanonendonner war am 2. Mai immer näher gerückt, und am Nachmittag dieses Tages überflogen bereits französische Aufklärer mehrmals die liechtensteinische Landesgrenze.2 In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai räumten die deutschen Truppen auf Grund der Weisung ihrer übergeordneten Befehlsstelle, entgegen allen vorhergegangenen Gerüchten, Feldkirch und spengten bei ihrem Rückzüge die Ill-Brücke in der Felsenau. Gegen Mittag erschienen dann französische Panzer in der Stadt, und einige Stunden später erblickte man bereits französische Soldaten an der liechtensteinischen Grenze bei Tisis. Damit war die Kriegsgefahr für Liechtenstein gebannt. DIE «DRITTE KRAFT» Doch wenden wir uns wieder den in Liechtenstein erschienenen Russen zu. Wenn wir die Motive, die zu ihrem Grenzübertritt führten, klären wollen, dann müssen wir zunächst nach dem bisherigen Schick- sal dieser Menschen fragen. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges be- fanden sich im Gebiet des Deutschen Reiches rund 9 Millionen Sowjet- bürger. Und zwar gab es nach Angaben des Oberkommandos der Wehr- macht zu Beginn des Jahres 1945 in Deutschland 6 — 7 Millionen Ost- arbeiter, die man zum grössten Teil dorthin verschleppt hatte, ferner 1,2 Millionen bewaffnete russische Freiwillige auf deutscher Seite, die in einige grössere Verbände und in zahlreiche kleinere Einheiten ge- gliedert waren.3 Hinzu kamen Zehntausende russische Flüchtlinge, die 1 Robert Gschwend, «Unser Rheintal» 1965, S. 48; Liechtensteiner Volksblatt vom 2. u. 7. Mai 1946. 2 Liechtensteiner Volksblatt vom 2. 5. 1946. 3 Sven Steenberg, «Wlassow», Köln 1969, S. 187. 54
        

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