Mit dem neuen Gemeindegesetz vom 24. Mai 1864143 wurde die seit der Revolution fast ebenso dringend wie die Verfassung angestrebte Re- organisation des Gemeindewesens vorgenommen. Nach dem alten Ge- meindegesetz von 1842 war der Ortsrichter «Alleinherrscher» in der zugleich vom Regierungs-, beziehungsweise Oberamt bevormundeten Gemeinde gewesen.144 Die Gemeindeverwaltungen wiesen denn auch keinen erfreulichen Stand auf.145 Nun wurde den Gemeinden ein «ver- nünftiges Repräsentativsystem» gegeben,146 das dem demokratischen Geist der Verfassung entsprach. Dabei wurde auf die 1849 geleistete Vorarbeit147 zurückgegriffen, ohne dass aber die Trennung in politische und Genossengemeinde übernommen wurde. Vertretung und Leitung der Gemeinde wurden einem von der Gemeindeversammlung auf drei Jahre gewählten Gemeinderat anvertraut. Er bestand aus dem Orts- vorsteher, dem Kassier und drei bis sieben Gemeinderäten, je nach Grösse der Gemeinde. Für wichtige, besonders das Gemeindegut be- treffende Entscheidungen wurde dieser «ständige Gemeinderat» von Fall zu Fall zum «verstärkten Gemeinderat» verdoppelt: Man wollte damit für jedes Geschäft die sachkundigsten Leute gewinnen.148 Der Gemeinderat blieb einer steten Kontrolle durch die Gemeindever- sammlung unterworfen, doch konnte diese nicht mehr wie früher für alle möglichen unwichtigen Geschäfte einberufen' und zum «Wühlen und Scharmuziren» missbraucht werden.149 In der Gemeindeversamm- lung konnte jeder Stimmberechtigte Anträge stellen. 143 LGBI. 1864, Nr. 4, 112 §§. 144 «War der Richter ein verständiger ehrenhafter Mann, so ging die Sache gut ! Aber solche Männer gerathen nicht alle drei Jahre. Manchmal be- kam ein starrköpfiger, gewaltthätiger Mann das Regiment und dann Wehe ! über die Gemeinde, die unter sein despotisches Joch sich beugen musste»; Landeszeitung, 26. Nov. 1864, Nr. 25, S. 101, dazu Berichtigung ebda., S. 108. 145 Kommissionsbericht von Kessler, Landtagssitzung vom 6. Febr. 1864, Lan- deszeitung 1864, Nr. 5, Beilage; vgl. Schädler,.Landtag, JBL 1901, S. 104. 146 Siehe oben Anm. 144. 147 Siehe oben S. 168 ff. 148 Über den verstärkten Gemeinderat siehe Landeszeitung, 7. Jan. 1865, Nr. 1, S. 1, und 25. Febr. 1865, Nr. 6, S. 21. 149 Vgl. Landeszeitung, 10. Dez. 1864, Nr. 26, S. 105. 318
        

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