DER WILDE GEISSLER 84 Vor vielen Jahren lebte in Balzers ein ganz absonderlicher Mann, der schielige Geissler, auch wilde Geissler genannt. Eine kleine, ärm- liche Hütte war sein Eigen, und seine Arbeit war nicht besonders er- tragsfähig: Geissen hüten im Sommer, Holzhacken im Winter. Lesen und schreiben hat er nie gelernt und brauchte es auch nicht. Der wilde Geissler war kerngesund und kräftig, aber still und wort- karg. Wenn ihn zufällig jemand traf und ansprach, dann lächelte er vor sich hin und schob die Pfeife in den anderen Mundwinkel; das blieb seine Antwort. Ein eigener Kauz ! dachte sich da der andere und ging seines Weges. Seine Geissen verstanden ihn ohne viel Worte. Ein tüchtiger Stock und ein Gughorn waren seine ganze Ausrüstung, der Stock aber war ein ganz besonderes Werkzeug: Trieb er die Ziegen den nahen Berg hinauf, so steckte er ihn in die Erde, und ohne sein weiteres Zutun ka- men am Abend die Tiere den nahen Berg herunter und versammelten sich beim Stocke. Der Geissler aber schlief bei ihm oder trieb sich beim alten Schlüssle herum, um nach verborgenen Schätzen zu suchen. Ein Mann, der beim alten Schlüssle Erbsenstickel schnitt und ihn beobachtet hatte, erzählte: Der wilde Geissler sass im alten Schlüssle und steckte seinen Stock in die Erde. Da kam eine Schlange dahergekrochen und wand sich am Stecken hinauf. Der Hirt habe dann längere Zeit mit ihr gesprochen, aber auf einmal waren Schlange und Geissler im Gebüsch verschwun- den. Auch soll er seine Herde öfters durch die Weinberge getrieben haben, aber keine Geiss naschte auch nur ein Blatt von den Reben. Die Balzner waren überzeugt, dass er mit dem Teufel im Bunde stehe, umsomehr, als er nie in der Kirche zu sehen war. Als er eines Tages wieder dem wilden Schlüssle zuschritt, war er plötzlich ver- schwunden und blieb es. Es kam oft vor, dass Männer, die in der Nacht von der Luziensteig heruntergingen, in die Irre geführt wurden. Beim alten Schlüssle hörten sie in dumpfem Tone den Ruf «Fulia !» Und während sie darauf hörten, kamen sie vom rechten Wege ab und konnten sich erst beim Tagläuten zurechtfinden. Sie standen dann immer in einem Dickicht ganz nahe bei den Mauern des alten Schlössles. 75
        

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