DER GEIGER AUF DEM VADUZER GALGEN 63 Geiger Hans-Jöri ging spät abends von Sargans über den Rhein in die Grafschaft Vaduz, wo er zum Tanz aufspielen sollte. Als er unter Balzers hinkam, dunkelte es schon tief. Unversehens wurde er da an der Strasse von schön gekleideten Leuten beiseite gerufen und traf eine glänzende Gesellschaft. Man hiess ihn auf eine Bühne sitzen, wo er auserlesenes Essen und Trinken vorfand; ein Herr aber bedeutete ihm, er möge sich durch nichts beunruhigen lassen, auf nichts achten und namentlich keine Gesundheit trinken. Das fiel ihm zwar auf, aber er schwieg, spielte und liess sich's schmecken. Es wurde toll und bunt getanzt, nur küm- merte sich niemand um ihn, so dass er sich schliesslich doch langweilte. Der Mahnung vergessend, sagte er nach seiner Gewohnheit in sich hinein: «Gesundheit, Hans! Gesegne dir's Gott, Hans! So geschieht dir nichts!» Kaum war ihm das über seine Lippen gekommen, war alles ver- schwunden. Es ging gegen den Morgen, und der Geiger fand sich auf dem Vaduzer Galgen sitzend, statt des silbernen Trinkbechers einen Kuhhuf in der Hand. ZUM GALGEN ENTRUCKT 64 Eine halbe Stunde von Grabs liegen in der Talebene einige Güter, und dorthin wollte sich bei Anbruch der Nacht ein Grabser begeben, sein Vieh zu besorgen. Lange lief er schon und hatte sein Ziel noch immer nicht erreicht. Er lief, bis er sich todmüde niederlegen musste, und verlor sein Be- wusstsein. Als er wieder zu sich kam, befand er sich in einer fremden Gegend. Neben ihm standen gemauerte Säulen und über sich erblickte er einen Querbalken. Er hatte unter dem Galgen bei Vaduz gelegen. Er war überzeugt, verhext gewesen zu sein, denn über den Rhein führten damals noch gar keine Brücken. 65
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.