Latour verfolgte «mit Überzeugung und Konsequenz» liberale Staats- ideen, die er wohl auf den deutschen Universitäten gehört hatte. Dass er in dieser Hinsicht wohl auch zu weit ging, dürfte nicht auffallen. So stellte er an der katholischen Kantonsschule in Disentis (1833 — 42) einen protestantischen Lehrer an, wogegen das Kloster Einsprache erhob.7) Sein nur zu abfälliges Urteil über die bischöflichen Schulen ist auch bezeichnend: «Sie waren nichts, sind nichts und werden nichts».8) In dieser Hinsicht war ja auch auffällig, dass dann der Schulrat später das Schulgebet in St. Luzi in Chur abschaffte.9) Das hindert aber nicht, in ihm einen grossen Förderer der bündnerischen Schule zu sehen. «Gute Schulen und gute Strassen», das war sein Ziel auf der bündnerischen Ebene.10) Kaiser fühlte sich von Latour gut ver- standen und schüttete rückhaltlos sein Herz aus, wie wir aus den folgenden Briefen ersehen können. Kaiser musste auch, nachdem er 1837 Rektor der Disentiser Kantonsschule geworden war, stets Latour Rechenschaft geben, da dieser Präsident des Schulrates war. Dass die Schule 1842 nach St. Luzi in Chur verlegt wurde, war besonders auch ein Werk des Brigelser Politikers. Gerade diese Angelegenheit wider- spiegelt sich in den Briefen ungemein deutlich. In der Correspondenz Disentis-Brigels begegnen wir immer wieder nicht kleinen Schwierigkeiten, die Kaiser mit einem Professor hatte, dessen Namen er meistens nur mit der Abkürzung: «Hr. Schw.» an- gibt. Es handelt sich um Jgnaz Christian Schwarz, geboren 1801 in Bamberg. Er studierte in Erlangen bei dem bekannten Philosophen Sendling, gab sich aber auch den Staatswissenschaften hin. Nach der Erlangung der Doktorlorbeeren 1828 begann Schwarz eine reiche lite- rarische Tätigkeit. Warum er dann in die Schweiz kam, ist nicht er- sichtlich. Er wirkte in Disentis vom Ende 1837 bis Frühling 1842 und dozierte Deutsch und Geschichte. Wie selten einer konnte er die Schü- 7) Schweizerische Kirchenzeitung 1843, S. 25, 593 — 594. Die katholische Kan- tonsschule in St. Luzi 1843, S. 20. Dazu siehe unten Brief Kaisers vom 20. Okt. 1842. 6) Chronica Monasterii II. 82 zu 1840. ,J) Immerhin blieb Morgen- und Abendgebet, Messebesuch am Morgen und Rosenkranz am Abend. Michel J., Hundertfünfzig Jahre Bündner Kantons- schule 1954, S. 96 — 97. 10) Michel, S. 103. 68
        

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