in der Ursprache lesen zu lassen, damals noch unfruchtbar blieben. Doch ging mir jetzt zum erstenmal Shakespeare's Grösse ganz auf und Hamlet und Julius Cäsar wurden in Herz und Geist eingesogen. Dane- ben gewährten der Dorfkirchhof Gray's, Thomson's Jahreszeiten und Hymnen liebliche Genüsse und stärkten die vom Kampfe mit erwachen- den Leidenschaften abgemüdete Brust wunderbar durch ihre reinen, zarten und seelenvollen Gemälde. Young's Klagen und Nachtgedanken hatten schon in Solothurn14) mit Tiedge's Urania in der Eigenschaft als Erbauungsbuch sich behauptet. Auch die altenglischen Balladen gehörten zu dem Liebsten, womit wir uns gemeinsam beschäftigten. Kaiser übersetzte Manches aus der Spencer'schen Sammlung, was ich ohne sein Wissen in einige Blätter einrücken Jiess. Mein und Müller's Freund war ein Mensch von treff- lichem Gemüthe, von schwärmerischem Wesen und doch dabei sehr geordnetem Verstände, auch dem Humor nicht unzugänglich; wir konnten, wenn es seyn musste, unsere eigene Sentimentalität paro- diren. Einzelne Gedichte Kaisers enthielten viel Wärme und Innigkeit. Es ist merkwürdig, dass das Studium der Quellen zur Geschichte Ezze- lino's de Romano,15) die er aber niemals herausgegeben hat, der Poesie ihn entfremdete. Nicht braucht erst gesagt zu werden, dass auch wir zwei uns gegenseitig besangen und eben so unsere respektiven Geliebten.10) Diejenige unseres Pietro's, ein Frauenzimmer von vielen Vorzügen und feiner Bildung, deren Name ungemein für die gewählte Versart passte, entsprach jedoch unseren Erwartungen nicht; denn statt des Dichters wählte sie im fernen Mähren, trotz mehrjähriger Bekannt- schaft —• einen gewöhnlichen Hofrath, welcher uns nicht einmal für Satyren gut genug erschien. Die glühende partriarchalische Kanzone endigte wie ein schaaler Clauren'scher Roman. Und doch war der Dichter ein beherzter Junge gewesen und hatte sich einst, im Uber- u) Münch hatte in Solothurn das Gymnasium besucht. 15) Ezzelin von Romano (1194 — 1259), Schwiegersohn des Stauferkaisers Friedrich IL, Führer der Ghibellinen, in Verona, Padua, Treviso und Vicenza grausam herrschend, wurde 1259 von den Verbündeten der be- drohten Stadt Mailand geschlagen und gefangen, worauf er starb. Behand- lung: Josef Freiherr von Eichendorff: Ezzelin von Romano (Trauerspiel), 1828. 10) S. Gedichte im Anhang II. 14
        

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