— 63 — Einführung In seiner Biographie über Joseph Rheinberger schreibt Dr. Theodor Kroyer: «Rheinberger war kein Freund des Briefschreibens». (Seite 26). Trotzdem dieser lapidare Satz vor allem den alternden Meister, der zudem durch ein schweres Leiden an seiner rechten Hand seit anfangs der siebziger Jahre schreibbehindert war, treffend charakterisiert, werden im Rheinberger-Archiv in Vaduz allein 113 Briefe an die Eltern aufbewahrt. Die Briefe, die aus den Jahren 1851 bis 1872 stammen, sind Leihgaben der Familie Rheinberger in Vaduz. Wenn auch diese persönlichen Zeugnisse von Liechtensteins be- rühmtestem Manne stilistisch und inhaltlich einen Vergleich mit den Meisterbriefen z. B. Felix Mendelssohns oder Robert Schumanns keines- wegs aushalten, so geben sie uns doch ein lebendiges und anschau- liches Bild vom Werden eines Künstlers, der den Weg vielleicht nur allzu geebnet vor sich hatte, um ein alles überragender Meister zu werden. Sein Genie öffnete ihm in München, das unter König Ludwig I. zu einem Kunstzentrum des 19. Jahrhunderts geworden war, alle Türen. Einflussreiche Persönlichkeiten wie Generalmusikdirektor Lachner und Professor Schafhäutl nahmen sich des jungen Musikstudenten an, der mit 12 Jahren bereits sein Vaterhaus in Vaduz verlassen hatte, um in München zu studieren. Trotzdem Joseph Rheinberger — abgesehen von kurzen Ferienaufenthalten — nie mehr nach Vaduz zurückkehrte, hing er, mindestens in der Zeit, als Eltern und Geschwister noch lebten, sehr an seiner Heimat. Dies beweisen die zahlreichen Briefe. Der Stil dieser Briefe ist unkompliziert. Der junge Student schickt Monatsrapporte nach Hause, berichtet von Geldangelegenheiten und neuen Kompositionen, erzählt Klatschgeschichten, fragt nach dem Wet- ter, der Ernte oder politischen Ereignissen. Seine Schrift, in den ersten Briefen sorgfältig und klar, wird später immer flüchtiger; hie und da fehlen auch Wörter oder wiederholen sich, einige Male werden ange- fangene Sätze nicht vollendet. An eine Veröffentlichung ist jedenfalls bei der Abfassung dieser Briefe nie gedacht worden. Doch gerade diese unbekümmerte Schreibweise verleiht ihnen eine natürliche Frische
        

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