— 63 — Mehr als theoretische Erörterungen sagt vielleicht ein bestimm- tes Beispiel, das um so lehrreicher sein dürfte, als hier nicht etwa Irgendein verkommener Strauchritter, sondern die angesehenen und mächtigen Grafen von Montfort im Spiele stehen. Am 9. Mai 1308 schrieben die Grafen Hugo von Montfort-Tettnang und Hugo von Bregenz an den Dogen von Venedig, sie hätten so viele Kosten für König und Reich gehabt, dass sie gezwungen gewesen seien, hundert Ballen feiner Tuche mitsamt den Kaufleuten auf dem Bodensee auf- zuheben, um sich bezahlt zu machen. Die Ware sei «nach der Schätzung kluger Leute» 10 000 Mark wert, was aber immer noch nicht ihre für das Reich geleisteten Ausgaben erreiche. Trotzdem seien sie aus «Erbarmen und Frömmigkeit» bereit, die Ballen für 6 000 Mark herauszugeben.* Schulte bezeichnet dieses Schriftstück als das «Muster eines Brigantembriefes», doch werden wir nach allem, was wir zuvor vernommen, den Vorgang nicht in so verein- fachten Konturen sehen. In diesem Zusammenhang sind nun einige Äusserungen des Grafen Jörg von Werdenberg von besonderem In- teresse, die dieser zur Rechtfertigung von Gewalttaten vorbrachte, in denen «auch der Strauchritter und Wegelagerer zum Durchbruch gekommen» war.4 Er beruft sich darin immer wieder auf die natur- rechtliche Lehre vom Widerstandsrecht, ja er spricht sogar von einem «göttlichen Recht» auf die Anerkennung seines Besitzes. Ge- rade dieses letztere Argument wollen wir nicht übersehen. Es steht dahinter noch die Vorstellung von einer göttlichen Welt- und Rang- ordnung, in der dem Ritter eine besondere privilegierte Steile zuge- wiesen ist. Diese «Ordnung» zu erhalten, fühlt er sich sogar zur Ge- walttat befugt. Solche Anschauungen wirken auch mit bei dem gegen das Ende des Mittelalters sich immer heftiger steigernden Hass des Ritters gegen den Bürger und Kaufmann, den er nun — an Stelle seiner Standesgenossen — immer ausschliesslicher als seinen eigentlichen Gegner suchte. «Es waren die Todeszuckungen eines dem Untergang geweihten Standes, Junkerstolz und eine tiefe Ab- neigung gegen eine Zeit, in der nicht mehr die Faust, sondern das s AI. Schulte, Geschichte des mittelalterlichen Handels und Verkehrs zwischen Westdeutschland und Italien, Leipzig 1900, Bd. I, S. 210. 4 P. Liver, Vom Feudalismus zur Demokratie, Jahresbericht der Hist.-Antiquar. Gesellschaft Graubündens 1929, S. 91.
        

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