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- Ein Raubiiberfall des Wilhelm von Richenstein im Jahre 1460 von Erwin Poeschel In der Phantasie des Volkes pflegen — wie jeder, der durch eines unserer burgenreichen Gebirgstäler reist, aus den Gesprächen der Mitfahrenden vernehmen kann — Ruinen, die in besonders kühner Lage aus dunklem Tann drohend aufragen, auf jähen Fels- klippen sich erheben oder gar in Höhlungen steiler Wände nisten, als die Trümmer von «Raubritterburgen» zu gelten. Hier herrscht, von Sagen genährt, die Vorstellung, dass diese Festen allein zu dem Zweck gebaut seien, als Horste zu dienen, aus denen beutelustige Ritter auf friedlich des Weges ziehende Kaufleute und Säumer herabstossen konnten, um sie ihrer kostbaren Frachten zu ent- ledigen, sie selbst aiber zur Erpressung schweren Lösegeldes in finsterem Verliess gefangen zu setzen. Dies trifft sicherlich nicht zu. Die waghalsig isolierte Lage ist einmal — und vor allem — ein Verteidigungsmittel in den Fehden, das wirksamste einer Zeit, da es weittragende Feuerwaffen noch nicht gab, zum andern aber gehört sie zum Wohnstil des Ritters, der damit seine Standesbesonderheit, das stolze Emporgehobensein über den Bürger und Bauern, im baulichen Gleichnis ausgedrückt sah. Dass jedoch von manchen Burgen Raub und Gewalttat ausging, wird niemand bestreiten wollen. Nur gehörte solches Treiben nicht zur ursprünglichen Bestimmung dieser Burgen, ja es war das Raub- rittertum überhaupt in seinem Wesen nicht reine Wegelagerei, son- dern vielmehr nur die verzerrte Fratze von ritterlichen Vorrechten hohen Sinnes, der Missbrauch eines ursprünglich legitimen Tat- bestandes. Auch dann noch, wenn ein verarmter Ritter, von der nackten Not getrieben, sich darauf verlegte, «aus dem Stegreif zu leben», wie man sagte, fühlte er sich keineswegs als Bandit, vielmehr meinte er — oder sagte es sich wenigstens vor — ritterliche Präro- gativen 'auszuüben, wie dies ein westfälischer Adelsspruch in den
        

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