— 69 — sich reden machten, während das Kostbarste der reifen Arbeit un- seres Künstlers kaum jemand unter die Augen kam. Doch scheint dies begreiflich. Nachdem Nigg eine geregelte Lebensstellung gefunden, überläßt er das Glück der Wettbewerbe rücksichtsvoll denen, die wie einst er ums tägliche Brot ringen, es sei denn, er wird zur Konkur- renz eingeladen, was öfters geschah. Zudem fallen zwei Weltkriege ein und verschatten das kulturelle Leben Deutschlands. Aus diesem Schatten konnte so vieles nicht mehr ans Licht kommen, was ans Licht gehörte. Die Arbeiten dieser Zeit sind heute schwer richtig einzuschätzen. Der damalige Modestil hat sich, — vielleicht im Edel-metallgewerbe ausgenommen, — heute völlig überlebt, und damit sind wir nur zu schnell bereit, die ganze Sache leichthin abzutun. Im Falle unseres Künstlers dürfen wir das um so weniger, weil so viel Befruchtendes für die künftige Entwicklung gerade in diesem Durcheinander von Arbeit lag. Dies war die Zeit, in der er, wenn auch noch nicht sein Kunstideal, so doch das Vertrauen auf sich und sein Können gefun- den. Das Schaffen im bunten Allerlei hat ihn formell gewaltig vorwärts gestoßen und in ihm die angeborene Anlage für die Fläche vollends zur Reife gebracht. Auch war es wichtig für ihn, sich stoff- lich an allem zu verbeißen, bis er gewissermaßen sein eigenes Stoff- gebiet entdeckte. Mag man das Ergebnis dieser Schaffensperiode in der künstlerischen Wertschätzung auch etwas zurücksetzen, für den Künstler war es Sturm und Drang, die nötige Gärung zur Reife. In dieser Periode finden wir unsern Künstler auch, wie es eben Mode war, in einer eigentümlichen Auseinandersetzung mit dem Thema des Weiblichen, das ihn formell weitgehend in Anspruch nahm und überwiegend in den damaligen Entwürfen zur Dar- stellung kommt. Dabei war die Frau als dekorative Erscheinungs- form so ziemlich alles, was ihn interessierte; so recht im Herzen ge- packt hat ihn die Sache nie. Erotik blieb daher seiner Kunst grund- sätzlich fern, wenn man nicht absichtlich einige kleine Gelegenheits- skizzen in den Vordergrund drängen möchte, um den sittenstrengen Junggesellen in Verlegenheit zu bringen. Nigg hat für seine Frau- engestalten gewissermaßen ein Schema zurechtgearbeitet: hoher, kräftiger, aber ebenmäßiger Wuchs mit breiter, stark betonter Brust und langem Haar, das zu allen Einfällen der Ornamentik herhalten
        

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