— 58 — Es finden sich Hunderte und Hunderte von Briefen seiner Schü- ler im Nachlaß, voll rührender Anhänglichkeit und Dankbarkeit, und allein der Umstand, daß der Lehrer diese sorgsam für sich auf- bewahrte, ist Zeugnis genug, wie sehr auch dieser an seinen Schülern hing. Ein ungewöhnlich ansprechendes, ^nenschenfreundliches Bild scheint uns aus der Fülle dieser Briefe entgegen. Galt der gute Mann sonst wortkarg im Leben, so erscheint er gemdezu schreibselig in seiner Korrespondenz, denn er ließ sich nicht nur schreiben und zwar am liebsten recht aussührsich, — er blieb auch die Antwort in gleichem Sinn nicht schuldig. Was alles seine Leute bewegte, trugen sie an ihn heran, verschlossene Jungens und geschwätzige Mädchen. Er muß es in eigener Art verstanden haben, ihnen das Herz zu öffnen. Hatte eines Pech oder Erfolg im Leben, der ehemalige Leh- rer mußte es wissen; wurde geliebt oder geheiratet, schrieb man ihm und holte seinen Rat, — er stand ja über diesen Erschütterun- gen —, so auch wenn's wieder auseinander ging; das Wohl und Weh der Kinderstube und aller kleinliche Hauskram berichtete man ihm wie einem wißbegierigen Großvater, jedes Unwohlsein oder Frohsein mußte er erfahren. Bietfach aber waren es die bekannten Nöte des Künstlervolkes, die er hören mußte. Wenn eines mit Schulden und ohne Arbeit irgendwo herumtrieb und nicht wußte, wie den hungrigen Magen zur Ruhe bringen oder wo unter Dach kommen, wenn eines nirgends weiter zu „pumpen" wagte, nicht einmal mehr daheim, dann klopfte man mit aller Zuversicht beim alten Lehrer an, und von da kam immer etwas. Hie und da erhielt er auch wieder mal etwas zurück, wenn's wieder besser ging, und dann war seine „Creditanstalt" wieder doppelt flüssig. Stoffe, Garne, Leinen dahin dorthin, weil seine armen Künstlerinnen das Geld dafür nicht aufbrachten, Zigarren und Zigaretten ins Kriegsge- biet weils dort zu wenig gab, besonders aber Geld nach allen Seiten, weil überall seine Leutlein zu wenig oder auch gar keins mehr hatten! Nigg war so gutherzig, daß er für seine Leute „das Hemd vom Leibe gegeben hätte". Oft ließ er sich gar nicht bitten, sondern trug seine Hilfe an, wenn er irgendein? in Not wußte, oder schickte seine Gaben, ohne den Empfänger wissen zu lassen, wer sein Wohltäter. Dieser aber wußte doch, das konnte nur er sein. Auch andere mobilisierte er, wenn die Not es erforderte und das Seine nicht mehr ausreichte. Der Mann war gewohnt, für sich wenig zu brauchen, um so reich-
        

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