— 186 — anders als ich befürchtete: Karl Pembaur, der letztes Zahl verstor- bene jüngere Bruder von Josef und spätere Hofkapellmeister in Dresden, Sidney Durst, ein Amerikaner, von dem ich leider nie mehr etwas hörte, und ich waren die Auserwählten! Daß in Rheinbergers Kontrapunktzimmer mehr Raum für Wis- sensdurstige sei als auf dessen Orgelbank, hatte ich schon am Vormittag erfahren, denn die Aufnahmeprüfung in jenem Fach war gut verlau- fen und, auf des Meisters Pünktlichkeit zum voraus aufmerksam ge- macht, fand ich mich am ersten Studientag mit Karl Pembaur zusam- men so frühzeitig als möglich ein. Zu unserer Überraschung waren aber bereits sämtliche Stühle besetzt bis auf die beiden letzten zu beiden Seiten des langen Tisches und den einen am Tischende nächst der Türe. Mit etwas unbehaglichem Gefühl wählte ich den Stuhl rechts, sah ich doch auf allen Gesichtern ein unmißverständlich spöttisches Lächeln, das ich mir allerdings sofort zu deuten vermochte, als die Tür aufging, Rheinberger eintrat und nach einem stummen Neigen des Kopfes — den Platz am Tischende, zwischen Pembaur und mir einnahm. Daher kam also die Pünktlichkeit unserer Kollegen und das Wettrennen um die entferntesten Plätze! Rheinberger schien das zu wissen, denn ich machte sehr bald die Beobachtung, daß die- jenigen, die ihn fürchteten und seine Nähe mieden, auch während ihrer ganzen Studienzeit von ihm in Distanz gehalten wurden. Nicht, daß er deswegen Begabte übersah, denn er hatte einen sehr raschen und klaren Blick für seine Schüler, und er fand sofort her- aus, welche von ihnen aus Schüchternheit und welche aus Unsicher- heit „in Deckung" zu bleiben suchten. Warum ich diese scheinbar belanglose Geschichte hier erzähle? Weil sie mir für das ganze künftige Verhältnis Rheinbergers zu seinen Schülern bestimmend schien. Nichts war ihm denn auch tat- sächlich unsympathischer, als sich von seinen Schülern gefürchtet oder in übertriebenem Maße bewundert zu sehen. Er liebte den freien, ungezwungenen Verkehr und schätzte nichts höher als die ihm ohne Zeremoniell entgegengebrachte Achtung und das durch dieselbe be- dingte Vertrauen. Er wollte, daß man sich ihm gegenüber gab wie man war, ohne Geziertheit und Umständlichkeit und ganz besonders ohne scheinheilige Unterwürfigkeit. Darin war Rheinberger trotz seines belvundernswerten Aufstieges in seinem Berufe und trotz aller ihm zuteil gewordenen Ehrungen von höchster Stelle das
        

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