— 175 — am besten. Letzterem gefielen die Sachen, und bei einem öffentlichen Konzert der Anstalt brachte er sie zur Aufführung. Publikum und Presse begrüßten sie sehr warm als die Arbeiten „eines der jüngsten und talentvollsten Mitglieder der Kompositionsklasse" und der große Schritt in die Öffentlichkeit war erfolgreich im Mai 1884 getan. Nun wurden mit verdoppeltem Eifer vierstimmige Chöre geschrieben und siehe da! Sie gelangen meistens. Noch mehrere andere durften öffentlich gesungen werden. Da brummte eines Tages Rheinberger, als ihm wieder von mir vierstimmige Lieder vorgesetzt wurden: „Warum schreiben Sie denn immer vierstimmige Lieder? Das können Sie doch jetzt! Jetzt übertragen Sie den Satz einmal aufs Klavier! Sie sind Klavier- spieler, da wird sich schon etwas dazu finden." Natürlich geschah es so, und nach einigen Verbesserungen wurde das Stück „Romanze" getauft. „Nun betrachten Sie das als den zweiten Satz einer Sonate und schreiben Sie den ersten" sagte der Meister. Das war nun frei- lich beträchtlich schwerer, und der Meister ließ redlich Durchführun- gen und Reinschriften anfertigen, bis alles Gnade vor seinen Augen gefunden hatte, aber schließlich kam nicht nur der erste, sondern nach etwa Monatlicher Arbeit auch der dritte und vierte zustande. Der 18jährige Komponist dürfte sein eigenes Werk öffentlich spielen. Eine zweite Sonate wurde in 5 Tagen beendigt. Der Vortrag der ersten gelang so gut, daß mein Klavierlehrer E.iehrl darauf bestand, ich müsse nun auch mit Orchester auftreten. Aus Dankbar- keit wählte ich das Rheinberger-Konzert. Das ganze durfte ich leider nicht vorführen; das hätte zu viel Zeit in Anspruch genommen. Herr Eiehrl beauftragte mich daher, Rheinberger aufzusuchen, um ihn für eine Teilung seines Werkes zu gewinnen. Das Anliegen wurde vorgetragen, aber die Entscheidung lautete: „Mein Konzert läßt sich nicht teilen! Schreiben Sie doch selber eines!" So sehr dies meiner Eigenliebe schmeichelte, so ratlos stand ich doch vor dieser Aufgabe. Im Unterricht war vor kurzem erst mit der Jnstrumentätionslehre begonnen worden und ich wußte bei manchen Instrumenten kaum, wie sie aussahen. Aber nun bekümmerte ich mich tüchtig darum und studierte auch die einschlägige Konzertliteratur. Ein Grundgedanke wollte aber nicht kommen und mein Tagebuch verzeichnete die trübe Betrachtung: „Den unglücklichen Gedanken, ein Klavierkonzert zu schreiben, habe ich aufgegeben." Tags darauf begann ich das Stück,
        

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