— 168 — erfüllung konnte man wieder seine persönliche Inanspruchnahme zurückgewinnen. Nach der Korrektur hieß es, die letzten 4 Takte der Aufgabe an die Tafel schreiben, denn ohne eine frühere Notiz wäre eine inhalt- liche, gedankliche Verbindung und Fortsetzung undenkbar. Nun zeigte sich eine Eigenart des Meisters. Der große Ruf des Komponisten Rheinberger erstreckte sich nicht nur über den europäischen Konti- nent, sondern auch darüber hinaus nach Amerika und Australien. Wir waren daher in dieser Stunde ein kleiner Völkerbund von Schülern — Engländer, Franzosen und hauptsächlich Amerikaner mit Nord- und Süddeutschen. Es ist haarklar und menschlich be- greiflich, daß sich der in aller Welt verehrte Meister mit diesen Begabtesten des Auslandes geschmeichelt fühlte und sich gerne mit ihnen beschäftigte. Der erste hatte die Ehre, die genannten 4 Takte an die Tafel zu schreiben, der zweite sollte aus eigenem weitere Takte dazukomponieren. Damit hatte es oft seine Schwierigkeiten, nicht immer kam was Brauchbares dazu. Da erhob er sich nun vom Stuhle, überschaute erst, was Neues dazukam, dann setzte er sich an das Klavier, spielte erst die bewußten 4 Takte, um sich in den Stim- mungsgehalt der Komposition einzuleben und präludierte weiter. Hier mußte nun der richtige Musiker einsetzen,.d.h. er mußte alle Stimmen hören und die Fähigkeit besitzen, das Gehörte niederzu- schreiben. Ohne unbescheiden zu sein, darf ich mich hier selbst an- führen, daß ich flink niederschrieb, was er spielte und somit stets der dritte junge Mann war, der an der Tafel arbeitete und mit den Ausländern in friedlichen Wettbewerb treten durfte. Darauf war ich stolz und freue mich noch heute darüber. Gelungen war immer, wenn der Herr Hofrat nachsehen kam und von der Arbeit befriedigt war, dann sagte er mit einem ihm nur eigenen Tonfalle „hübsch — hübsch" und spielte und phanta- sierte am Klavier. Sodann schob er die Brille in die Höhe und sagte versonnen und nachdenklich: „Löschen Sie diesen und jenen Takt auSj das könnte man besser so machen", was er dann vorspielte. Der Leser wird denken, was hat er denn gemacht, während der Schüler an der Tafel weiternotierte? Rheinberger war ein rast- loser Mann, behäbige Ruhe war ihm fremd. In den sich ergebenden Zwischenzeiten legten die jungen Komponisten ihre jüngsten Ge- burten dem Meister zur Begutachtung vor, holten sich Rat und Mut
        

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