— 167 — Joseph Rheinberger in der Kontrapunktstunde Eine kleine Plauderei von Felix Kircher Joseph Rheinberger war ein strenger, aber gerechter Lehrer. Wir hatten zweimal in der Woche in der Zeit von 8 bis 16 Uhr Kontrapunktstunde. Kontrapunkt ist die Lehre der Komposi- tion, wörtlich genommen heißt es „Punkt gegen Punkt", musikalisch ausgedrückt „Note gegen Note", freier gesagt „Stimme gegen Stim- me" oder „Melodie gegen Melodie". Dasz dazu spezielle Veranla- gung gehört, Komponieren nicht nach Schema erlernt werden kann, ist selbstverständlich. In diesen Stunden wurden der einfache und mehrfache Kontrapunkt, Imitationen, Fugen, 2- bis 12stimmige Chor- und Orchesterwerke in verschiedenen Besetzungen gelehrt. Für einen fähigen, talentierten Schüler gewisz viel des Interessanten. Mit 1 Stunde war da nichts anzufangen, weshalb 2 Stunden Un- terricht war und selbst in diesen 2 Stunden wuchsen die llbungs- beispiele oft nur um 8 bis 16 Takte. Rheinberger selbst erschien meist punkt 8 Uhr, sehr selten ver- spätete er sich und wenn, dann entschuldigte er sich jedesmal in aller Höflichkeit. Eine Verspätung bei den Schülern konnte er nicht leiden, das bekam man gleich zu spüren. Wenn der Herr Hofrat also kam, dann nahm ihm einer der anwesenden 12 bis 14 Schüler erst Hut und Mantel ab. Sein Platz war an der oberen Schmalseite des Tisches, richtete umständlich seine Bleistifte her und nun wurden die Aufgaben, die in der Reinschrift der in der letzten Stunde erar- beiteten Ubungsbeispiele bestanden, angesehen. Jeder Schüler muhte seine Arbeit vorlegen. Es gab sich jeder einer großen Täuschung hin, wenn er glaubte, er könnte sich unbemerkt seiner Korrektur entziehen. Der Herr Pro- fessor sagte nichts, rügte nichts, aber er lieh den Betreffenden auf seine Weise merken, dah er den Drückeberger wohl erkannt habe, indem er den Sünder für mehrere Stunden als Leerläufer im Un- terricht behandelte. Nur durch peinliche und gewissenhafte Pflicht-
        

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