— 155 — lichen und logischen Unterricht konnte es für uns keine „Probleme" mehr geben. Der Meister gehörte eben zu jenen Gelehrten, die lieber Wolken zerstreuen als Wolken machen. Es ist zu beklagen, das; er kein diesbezügliches Lehrbuch veröffentlicht hat. Die Kontrapunktstunde selbst begann mit der Durchsicht der häuslichen Arbeiten, meist Fortsetzung oder Beendigung einer in der vorhergehenden Stunde begonnenen Choralfiguration, Fuge, Instrumentation usw. Die Korrekturen beschränkten sich nicht etwa nur auf Parallelenjägerei (Quinten, Oktaven, Querstände u. a.), sondern es wurde beispielsweise hier auf die Möglichkeit einer besseren Baß- oder Stimmführung, dort auf eine wirkungsvoll unterzubringende Imitation oder Melodie hingewiesen und die Brauchbarkeit der Arbeit nach jeder Seite hin erwogen. Auch hierüber finden sich kurze Qualifikationen in den Tage- büchern, wie: „Aufgaben im ganzen nicht schlecht" — „fleißig ge- arbeitet" — „gering" — „quasi niente", oder „Aufgabe bei M... gut, die übrigen unbedeutend, bei N... hoffnungslos schlecht". Während dieser Tätigkeit hatte ein Schüler die für die be- treffende Stunde in Aussicht genommenen Aufgaben an die Tafel zu schreiben. Nachdem dann Rheinberger Art und Form der Aus- führung besprochen, wie auch auf voraussichtliche Schwierigkeiten und deren Behebung hingewiesen hatte, ging es an die Ausführung. Der an die Tafel gerufene oder sich freiwillig meldende Schüler hatte dann Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen. Seine Versuche wurden von Lehrer und Schülern aufmerksam verfolgt und kommentiert. Geriet der an der Tafel waltende Kunstjünger ins Stocken, so galt es, Vorschläge zu machen, die dann der Meister kurz und sachlich erörterte. Wo wir versagten, half er aufmunternd nach. Es kam aber (wenn auch selten) vor, daß er selber zugestand: „Auch ich weiß augenblicklich keinen geeigneten Ausweg." Selbstverständlich strengten wir dann unsere Köpfe erneut an, um ihm in der Lösung doch noch zuvorzukommen. Wenn das gelang, bekundete der Meister eine offensichtliche Freude. Ein wiederholtes Pochen mit der Hand und ein freundliches Zunicken war die Be- lohnung des „glücklichen Finders", der dann die Arbeit fortsetzen durfte, bis er schließlich selber wieder stecken blieb und von einem Konkurrenten abgelöst wurde. Nichts blieb unfertig oder unaus- geführt, und es gab viel zu schaffen. Gearbeitet würde nur in alten
        

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