— 142 — Daß er sich innerlich den hauptsächlich in den achtziger Iahren mächtig stürmenden Neuerern nicht angleichen konnte oder besser wollte, kann ihm nicht verübelt werden. Er, der große „Formalist", mußte naturnotwendig — als. Verfechter eines einwandfrei geglie- derten Satzgebäudes — seine ernstesten Bedenken haben. Was hatte übrigens die neue „Programmusik" mit der allerorts geläufigen Form überhaupt noch zu schaffen? Der Ruck war zu gewaltsam, um einem Romantiker oder auch Nachromantiker nicht auf die Nerven zu fallen! Kamen noch dazu die Geschmacklosigkeiten, mit denen die Neutöner selbst, wie auch deren begeisterte Trabanten unseren Mei- ster bedienten. Es sei hiezu an den „geheiligten Lehrstuhl und die dazugehörigen Stuhlbeiner" (gemeint ist Rheinberger) erinnert! Auch was schließlich die weltlichen Reformatoren an „Liebenswür- digkeiten" noch übrig ließen, das rundeten die um die „Reinigung der katholischen Kirchenmusik bemühten Cäcilianer" im Verfolg ihrer Bestrebungen noch zur positiven Beleidigung des ausgezeich- neten Musikers auf! Zum Anschluß an die eine oder andere Partei oder gar an beide war für Rheinberger kein Raum. Leben als aufrechter Mann, der er nun einmal war, blieb ihm nur eine Wahl — „neutral" zu bleiben. Und wir — die seine Einstellung sehr wohl kannten — wagten nicht an den heiklen Punkt zu tasten, geschweige denn, den Finger in diese brennende Wunde zu legen. War doch der Nimbus, der unseren Lehrer umgab, so groß, daß es jedem von uns ein „Sakrileg" bedeutet hätte, den Meister durch eine unziemliche Frage vielleicht tiefinnerst verletzt zu wissen! Und solches zu verhüten, schien uns dem seltenen Menschen gegenüber als eine glatte Selbst- verständlichkeit. War doch Rheinberger nicht nur als bedeutender Künstler, sondern auch als vornehmer, untadeliger Mensch leuchtendes Vor- bild für uns. Rein äußerlich eher einem gelehrten Kathederfürsten gleichend als einem aüserwählten Künstler, machte er — durch die Straßen gemächlich schlendernd — den Eindruck des dauernd inner- lich beschäftigten, an der Lösung großer Probleme arbeitenden Man- nes. Im Umgang von einer vornehmen Zurückhaltung, jedoch ohne jedwelchen Stolz, dazu aber ein feiner Menschenkenner! Wer je das Glück hatte, ihm nähertreten zu dürfen, war bald im Bilde über sein Wesen! Sein Charakter, seine geradezu Eichendorffsche Eemütsver-
        

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