— 141 — beispiellosen Überblick — kein verlorenes Zeichen entging. (Hiezu seine stereotype Bemerkung: „Jetzt noch selbst besorgen; später — wenn Sie sich's leisten können —nimmt's Ihnen Ihr Sekretär ab.") Auch beim Spielen eben gebauter Arbeiten holte er sich gerne seine „bekannten Opfer" immer wieder vor. Eben der Erzieher! War doch sein Grundsatz: „über den Zwang zur Freiheit!" Doch erschien ihm jede „Nursystematik", jedwelche Technikdrescherei eine zum Tode verurteilte Sache! Der Kontrapunkt — so sagte er — muß wie ein Baum „gewachsen" und auch „ästhetisch" begründet sein! So traversierten wir von einer Disziplin zur andern: vom „csntus lirmus" bis zu den höchsten, ja letzten technischen Möglich- keiten kontrapunktischer Deutung. Daß dabei dem Kanon wie der Fuge ein gerüttelt Maß zukam, versteht sich bei Rheinbergers Eigen- art als klassizierender Fugenkomponist von selbst. Einzigartig seine Behandlung der Stimmführungsmaterie! Zm allgemeinen wie im besonderen. Vielleicht des großen Praktikers „Domäne"; wie es wohl kaum einen seiner Jünger geben dürfte, der hierüber nicht gründlichst Bescheid wüßte! Speziell das „Cho- rische" zu beherrschen, vom einfachen Lied im Volkston bis zum vielstimmigen, komplizierten Motettensatz einen Vokalsatz wirklich „klingend zu gestalten", dies uns einzuhämmern, war er der Meister! Wenn wir bei der Instrumentation nicht so ganz auf unsere Rechnung kamen, so lag das unleugbar nicht bei Rheinberger, son- dern war sozusagen „begründet" in der Atmosphäre, die — durch die Musikreformer genährt — zu gleichen Teilen ebenso Enthusias- mus wie andererseits stärksten Widerstand zeitigte. Daß Rheinber- ger in gerade diesen Zeiten des „Umbruches" im Zenith seiner Lehrtätigkeit stand, kann und konnte ihm niemand aberkennen. Wir Jungen aber wollten am liebsten nach der verbotenen Frucht grei- fen! Der neue Farbenrausch hatte bereits abgefärbt! Bewunderungs- würdig, wie unser Erzieher nun darauf gerichtet war — ohne den neuesten Bestrebungen Konzessionen zu machen — uns zunächst die positiven ewigen Schönheiten (hauptsächlich Webers Orchesterkolorit) immer und immer wieder eindringlichst vorzudemonstrierenN 1. Er selber stand ja 
im Instrumentieren, wie die meisten 
seiner Zeit- genossen, auf dem Boden der Romantiker.
        

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