— 138 — lich die von den „Wagnerianern" und neuaufwuchernden „Strau- ßianern" kolportierte „Rückständigkeit" unseres verehrten Lehr- meisters in einem neuen Lichte sehen. Als ich für einen Dirigentenabend unserer Anstalt Bizets « êu ci'^nkant» und für einen andern Vortragsabend eine Mozartsche Klaviersonate gewählt hatte, drückte mir Rheinberger eines Tages stillschweigend die Hand. In seinen Augen strahlte die Freude über einen aus Klingsors Zaubergarten entwichenen und ins rein-musi- kalische Eden zurückgefundenen Adepten. Ich möchte betonen, daß wenn es mir heute vergönnt ist, in den Reihen der französischen Musiker ein ehrenvolles Plätzchen einzunehmen, ich dies in erster Linie der durch Rheinberger vermittelten Erkenntnis von der Überzeitlich keit der absoluten Musik verdanke. Heute ist ja die Gefahr beschworen, die absolute Musik hat ihren Herr- schersitz wieder eingenommen und sich nicht zur Sklavin nebulöser Philosopheme und ihrer Zeit verfallenden schwülstigen Dramentexte erniedrigen lassen! Daß der Umschwung in relativ kurzer Zeit sich vollziehen konnte, verdankt die. Welt in erster Linie mutigen Na- turen und musikalischen Eewissenskündern, wie Joseph Rheinberger einer der erfolgreichsten war. Durch einen puren Zufall hatte ich mich in einer Privatpension im dritten Stock des „Rheinberger-Hauses" in der Fürstenstraße, ganz nahe beim Odeon eingemietet. Dies gab mir Gelegenheit, aus der Vogelperspektive die Lebensweise des vereinsamten Meisters (der Tod hatte ihm kurz zuvor seine Gattin, eine begabte Dichterin, entrissen) zu studieren. Sie war fast mathematisch streng reguliert; ich habe nie einen Menschen kennengelernt, der den unwiederbring- lichen Wert der Zeit so zu schätzen wußte wie Rheinberger. Er pflegte sehr früh aufzustehen, dann begab er sich in die Frühmesse der benach- barten Ludwigskirche und von da ins Odeon, wo seine Theoriekurse ihn bis Mittag festhielten. Nach dem Mittagessen, das er sich im Re- staurant holen ließ (ein alter Diener und ein großer Hund waren zeitweise die einzigen Hausgenossen des Meisters), pflegte Rheinber- ger seinen Spaziergang im benachbarten Hofgarten zu machen und dann im „Englischen Cafe" die Zeitungen zu lesen. Der Nachmittag war der Komposition gewidmet und von 5 bis 6 Uhr pflegte der Meister auf einem der beiden großen, seinen Arbeitssalon schmüc- kenden Konzertflügel klassische Musik, vor allem Bach, Mozart und
        

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