zur Verfügung hatte, musste pro Kopf auf einer Flä- che von einem Ar Kartoffeln anbauen. Die Massnah- me war jedoch ein Misserfolg, dazu kam ein schlechtes Sommerklima.116 Im Landtag hiess es Anfang Dezember-. «Wir haben uns unendlich Mühe gegeben, haben aber miserable Erfolge gehabt ... Was die Kartoffelaufbringung im eigenen Lande an- belangt, so ist dies ein wahrer Jammer». Politiker und Private versuchten auf eigene Faust zu verhandeln und einzukaufen - in München, Ber- lin, Braunschweig und im tschechischen Brünn, wo man sogar in Liechtenstein eingekauftes Vieh als Kompensationsware anbot, jedoch vergebens. Das Land ging sogar so weit, dass es in einzelnen agrari- schen Orten des Oberlandes die Käse- und Reiszu- teilungen an Gemeinden kürzte, um die Bauern zur Kartoffelabgabe zu zwingen. Da die meisten von ih- nen jedoch Selbstversorger waren, hatte auch diese Massnahme keinen Erfolg. «Es hat nicht gewirkt, wir trafen nicht die Schuldigen».117 Ähnlich schlimm stand es um die Milchversor- gung. Am 13. November 1918 meldete der «Feldkir- cher Anzeiger», dass nun auch für Kinder keine Milch mehr vorhanden sei. Es sei jedoch nicht anzu- nehmen, dass man in Vorarlberg keine Milch aufzu- bringen vermöge: «... dass wenigstens unser Kinder solche bekommen und nicht unser kommendes Ge- schlecht schon jetzt verkümmern muß, nachdem ohnehin alles andere an Lebensmitteln fehlt».118 Die sozialdemokratische «Vorarlberger Wacht» ergänz- te ausführlicher: «Das Leben der Arbeiter- und Be- amtenkinder, die schon heute ganz unterernährt sind, ist in Gefahr. Wenn sie nicht ausreichend Milch bekommen, erleiden sie an ihrer Gesundheit schwe- ren Schaden, der nie wieder gutzumachen ist. Auch die aus den Schützengräben heimkehrenden Krie- ger bedürfen dringend der Milch zu ihrer Erho- lung».119 Für die Milchknappheit gab es einen Haupt- grund: Obwohl es im Land ausreichend Milchkühe gab, lieferten viele Bauern ihre Milch nur ungern ab, ja, sie verwendeten Milch sogar zum Füttern der Schweine. Der Höchstmilchpreis war einfach von Seiten der Landesbehörden zu niedrig angesetzt worden, da man Rücksicht vor allem auf die Indus-triearbeiterschaft 
zu nehmen hatte, welche die Real- kosten von einer Krone pro Liter nicht bezahlen konnten; der Tageslohn einer Fabrikarbeiterin be- trug drei bis vier Kronen. Dennoch entschloss sich die Landesregierung Anfang Dezember 1918 zu ei- ner «viel Aufsehen erregenden» Milchpreiserhö- hung auf 60 Heller pro Liter, um den Bauern einen Anreiz zum Verkauf zu geben.120 Um die Milchnot zu überbrücken, erwarb das Land schliesslich Kondensmilch aus Militärbestän- den, die im Lagerhaus von Feldkirch im Umfang von 56 Waggons vorhanden waren. Aber auch diese Milch war teuer, kostete 1,20 Kronen pro Liter und bestand zur Hälfte aus «Magermilch».121 Positiv sah es mit der Versorgung von Käse aus. Im November konnte man die Rationen sogar um ein Drittel erhöhen. Und was Pferde betraf, so gab es sogar einen Überschuss, den man versuchte, in der Schweiz gegen Valuten zu verkaufen. Ein Grossteil der Pferde stammte aus Militärbeständen im be- nachbarten Landeck, die vom Heer zurückgelassen worden waren.122 Pferdefleisch gab es aber auch auf de»m Speiseplan, «mags allen wohl bekommen», liess sich eine kritische Stimme hören.123 Auch mit der Zuckerversorgung sah es nicht schlecht aus. Der monatliche Bedarf für die rund 130 000 Einwohner betrug zehn Waggons. Trotz einiger Unterbrechun- gen wurde aus der Tschechoslowakei (Sudetenland) wieder geliefert und es gab ausserdem grosse Ar- meebestände und Lagerkapazitäten bei den Kon- sum- und Einkaufsvereinen.124 Da Zucker vorhan- den war, konnte man auch wieder «Landesmarme- lade» erzeugen. Es hatte sich positiv ausgewirkt, dass durch die «vielverlästerte Obstsperre» Obst zu erschwinglichen Preisen vorhanden war. Für viele Unterschichten-Familien waren aber dennoch Kraut und Rüben das Hauptnahrungsmittel.125 Um die Nahrungsmittelversorgung sicherzustel- len, wandte sich eine Regierungsdelegation bereits am 8. November 1918 an die Schweiz.126 Der sozial- demokratische Landeshauptmannstellvertreter Fritz Preiss erläuterte im Landtag die grundsätzlich posi- tive Einstellung der Schweiz zu vermitteln und Wa- renvorschüsse zu liefern, die später von Frankreich ersetzt würden. Die Delegation warnte, dass in Vor- 86
        

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