ten an Flüssen und Bächen im Rheintal bezogen und vor allem den arbeitslosen Stickern entgegenkom- men sollten." Von Privaten war keine Bautätigkeit zu erwarten, da einfach das Geld fehlte.100 Auch bot die Aufnahme in die «Volkswehr» nur vorüberge- hend ein bescheidenes Einkommen. Der Zustrom zu diesem militärischen «Arbeitsdienst» war so enorm, dass schliesslich starke Einschränkungen für eine Aufnahme gemacht werden mussten.101 Für die daniederliegende Stickereiindustrie schuf der Landtag einen «Stickereiausschuss» als ständi- ge Einrichtung, der mit dem Schweizer Volkswirt- schafts-Departement Kontakte aufnehmen sollte, um den Veredelungsverkehr wieder aufnehmen zu können.102 Am 1. Dezember 1918 trafen sich die «Lohnschifflistickfabrikanten» in Dornbirn zu ihrer ersten Versammlung. Sie besassen insgesamt 250 Maschinen und fassten als wichtigsten Beschluss die gesetzliche Einführung eines Mindestlohnes.103 Ein nicht geringes Problem stellte die Energiever- sorgung dar. Es ging dabei vor allem um Kohle. Elektroenergie war genügend vorhanden, weil pri- vate Haushalte noch kaum Strom benötigten und die Industrieproduktion gering war. Kohle wurde hauptsächlich für Wärmeenergie in den Haushalten und für den Eisenbahnbetrieb benötigt. Da es seit 1917 immer wieder zu Lieferungseinschränkungen aus Deutschland und Österreich kam, wurden in ei- nigen Gemeinden Kohlenbezugskarten ausgegeben, der Braunkohlenbergbau bei Bregenz und im Rheintal vor allem der Abbau von Torf in grossem Massstab betrieben.104 BEKLEIDUNG Um während des Krieges die Versorgung der Bevöl- kerung mit Bekleidung sicherzustellen, gab es die Landesbekleidungsstelle, welche Kleidermarken ausgab und den Vertrieb von Textilwaren vornahm. Dennoch herrschte bis Mitte Dezember 1918 Man- gel.105 Hernach gab es eine ausreichende Versor- gung der Bevölkerung, weil Vorarlbergs Textilbetrie- be nach Kriegsende nicht mehr gezwungen waren, das Heer zu beliefern. Auch standen die Rohwaren-lager 
der Militärverwaltung und auch die Lagerbe- stände der Fabrikanten zur Verfügung. Folglich konnte bereits am 1. Dezember 1918 die Bewirt- schaftung beziehungsweise die Bezugsscheinpflicht von Stoffen und Kleidern aufgehoben werden.106 Mit diesen Liberalisierungsmassnahmen war man im Bregenzerwald jedoch nicht einverstanden. Hier würde etwa die Schafwolle von Grosshändlern auf- gekauft und an «Stoffjuden» weiter gegeben. Da- durch stiegen die Wollpreise: eine Kilo koste bereits 50 Kronen (Anm.: der Tageslohn einer Textilarbeite- rin betrug vier Kronen). Der Schreiber im «Vorarl- berger Volksblatt» forderte behördliches Einschrei- ten und als Lösung «nieder mit den Juden im Staat und im Land»!107 Schwieriger gestaltete sich die Versorgung der Bevölkerung mit Schuhen. Während die von der Front heimkehrenden Männer Militärschuhe mit- brachten, herrschte für Frauen und Kinder grosser Mangel. Leder war so selten geworden, dass die Schuster kaum mehr in der Lage waren, Schuhe zu reparieren. Das Tragen von Holzschuhen war daher alltäglich geworden.108 Die Schuhversorgung gestal- tete sich auch in den folgenden Monaten schwierig, worauf die Landesregierung im Oktober 1919 eine «Landeslederstelle» ins Leben rief, welche die einzi- ge Schuhfabrik namens «Krafft», die Gerbereien und Schuster belieferte.109 ERNÄHRUNG UND KRANKHEIT Vorarlbergs Bauern waren schon vor dem Ersten Weltkrieg nicht in der Lage, das Land zu ernähren. Nach Kriegsausbruch kam erschwerend dazu, dass weder von privater noch staatlicher Seite eine Be- vorratungspolitik betrieben worden war. Es stellte sich bei der nichtbäuerlichen Bevölkerung daher schon bald Nahrungsmittelknappheit ein, jedoch häufig nicht wegen des fehlenden Angebotes, son- dern wegen der enorm gestiegenen Lebensmittel- preise. Sie trafen vor allem die zahlreiche Fabrikar- beiterschaft. Das Land griff daher schon bald zu Be- wirtschaftungsmassnahmen, die seit 1915 von der Kriegsgetreideverkehrsanstalt gelenkt wurden. Die 84
        

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