DIE ANFÄNGE DES SELBSTSTÄNDIGEN VORARLBERG GERHARD WANNER JUDEN Um von den wirklichen Mitverantwortlichen des Weltkrieges abzulenken, vor allem von der kaiserli- chen Regierung und der sie unterstützenden katho- lischen Kirche, erfanden die Christlichsozialen in Vorarlberg zwei Feindbilder - die Juden und die ho- hen Offiziere. Der Antisemitismus war in Vorarlberg freilich nichts Neues. Er entwickelte sich in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts. Die Christlichsozialen verbreiteten ihn im Zusammenhang mit dem libera- len Kapitalismus, den sie vehement bekämpften.81 Da während des Weltkrieges strenge Zensur herrschte, finden wir in Vorarlbergs Zeitungen kei- ne derartigen Äusserungen mehr. Auf dem «Deut- schen Volkstag» im August 1918 in Dornbirn tritt Antisemitismus jedoch neuerlich öffentlich in Er- scheinung: Es müsse der unheilvolle und übermäch- tige Einfluss des Judentums auf dem gesamten Ge- biet der Wirtschaft «rücksichtslos und mit aller Kraft gebrochen werden».82 Der Vorarlberger Antisemitismus war freilich ein solcher fast ohne Juden im Land. Ihre Kultusge- meinde in Hohenems zählte nur noch wenige Mit- glieder und die Fabriken der Familie Rosenthal wa- ren 1916 verkauft worden.83 Eine Ausnahme war Feldkirch. Hier befand sich während des Krieges die im Westen der Monarchie wichtigste Zensurstelle der gesamten Brief- und Paketpost nach West- und Südeuropa. Sie war im Mädchen-Institut St. Josef untergebracht, das nun auch als «Judenburg» be- zeichnet wurde. Auf diesem bevorzugten «Hinter- landsposten» mit eigener guter Verpflegung und vie- len Privilegien hielten sich an die 50 Offiziere und 500 Mannschaftspersonen auf, darunter Spione, Drückeberger, «Geschäftsleute» und eben auch «die ungeliebten Juden».84 Kaum war das selbstständige Vorarlberg ausge- rufen worden, gab es im Landtag die ersten antise- mitischen Äusserungen vom grossdeutschen Han- delskammersekretär Bruno Karrer: Trotz «Ver- kehrsmittelnot» tauchten die typischen «Gestalten» des «jüdischen Schiebers» in Vorarlberg auf, die man all zu lange geduldet habe.85 Diese Aussage wurde im Landtag am 3. Dezember aber bei Weitem 
vom christlichsozialen Abgeordneten und National- rat Franz Loser übertroffen, der sich bereits rassis- tisch äusserte: «... es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass ich dort (Wiener Material-Sammel- stelle) selten ein anderes Gesicht als ein semitisches gesehen habe, namentlich jene Herren, welche dort an maßgebender Stelle sind, waren sehr deutlich als Semiten erkennbar, und ich glaube, meine Herren, wir Arier und wir Christen brauchen uns nicht darü- ber aufzuregen, wenn hie und da ein scharfes Wort über die Wirtschaft der Juden fällt und über deren schauerliche Ausbeutung der Bevölkerung sowohl an der Front wie im Hinterland».86 Zur christlichsozialen Parteiidentität gehörte schliesslich, für jeden klar nachlesbar, der Antisemi- tismus: In den Partei-«Leitsätzen» vom 12. Dezem- ber 1918 hiess es unter Punkt VIIL «Sie (Partei) be- kämpft mit aller Entschiedenheit die Vorherrschaft des Judentums, sowie überhaupt den unheilvollen und verderblichen Einfluss des jüdischen Geistes auf allen kulturellen, wirtschaftlichen und politi- schen Gebieten». Im November 1918 häuften sich im «Vorarlber- ger Volksblatt» die antisemitischen Äusserungen, 70) Ebenhoch 1986, S. 18 f. 71) W, 13. und 17. November 1918. 72) VW. 27. November 1918. 73) W, 17. November 1918. 74) FA, 27. November 1918. 75) W, 7. November 1918. 76) VV, 3. Dezember 1918. 77) W, 5. November 1918; VW. 1. Dezember 1918. 78) 3. La, 3. Dezember 1918. S. 7-9. 79) W, 3. Dezember 1918. 80) VW, 1. Dezember 1918. 81) Weitensfelder, S. 90-93. 82) Dreier 1988, S. 151 und 168. 83) Ebenda, S. 164-166. 84) Wanner 2000, S. 89, sowie Wolf, S. 37 f. 85) 3. La, 3. Dezember 1918, S. 18. 86) Ebenda, S. 25. 79
        

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