auch die christlichsoziale und vorerst auch die grossdeutsche Partei.70 Die einzige Organisation, die sich für politische Frauenrechte einsetzte, war die sozialdemokratische Partei. Während die Christlich- sozialen im Herbst 1918 ihre in Arbeiterinnenverei- nen organisierten Frauen für soziale Aktivitäten einsetzten,71 traten Frauen bei den Sozialdemokra- ten auf Parteiversammlungen auf. Zu einer solchen rief im November 1918 die «Stimme eines jungen Mädchens» auf: «... Ich erlaube mir nun zu fragen, ob ihr als die Unterdrückten euch mit dem gestürz- ten System wieder einlassen wollt oder nicht... von diesem Schandregime loszureißen und in Freiheit zu leben ... Der Staat der Sozialdemokraten ist die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ...Vorwärts, auf zum Kampf um die Freiheit».72 Den Frauen im Herbst 1918 jedes politische Inte- resse absprechen zu wollen, entspricht jedoch nicht der Wirklichkeit. Es gibt einige Hinweise, dass sie auf den Werbeversammlungen für den Schweizer Anschluss zahlreich vertreten waren und sogar an Diskussionen teilnahmen. KINDER, JUGENDLICHE UND SCHULE Der Krieg hatte auch die Rollen der Jugend gewan- delt. Das bewiesen schon die Statistiken des Jugend- Fürsorge-Vereins: Vom Jahr 1916 auf das Jahr 1917 gab es einen Zuwachs von 1095 Fürsorgefällen, und 199 Kinder mussten in Fürsorgeanstalten überwie- sen werden, in 617 Fällen wurde die Fürsorgemass- regel der «verschärften Aufsicht» in Anwendung ge- bracht.73 Es traten auch wiederholt Klagen gegen Jugendliche auf: In Feldkirch rauchten 12- bis 17- jährige Buben in der Öffentlichkeit, obwohl ihnen das Rauchen verboten war. Und niemand habe den Mut «tatkräftig» einzugreifen. «Diese Verlotterung und Verrohung der Kinder wirft kein günstiges Licht auf die herrschende Erziehung».74 In Höchst kam es am 5. November sogar zu Ausschreitungen «unrei- fer Burschen», die, «gehetzt von fanatischen Män- nern», in eine Grenzschutzkaserne eindrangen und Lebensmittel plünderten.75 
Natürlich stellte man sich die Frage nach den Schuldigen der zunehmenden Disziplinlosigkeit von Kindern und Jugendlichen und fand diese bei den Lehrern und den Schulverhältnissen, was sicherlich teilweise berechtigt war. Die meisten Lehrer waren eingerückt, die an ihre Stelle tretenden geistlichen Schulschwestern waren überfordert, man führte Halbtagsunterricht durch, es gab in bäuerlichen Re- gionen grosszügige Schulbesuchserleichterungen, Klassen waren überfüllt und die Kinder unterer- nährt.76 Im November 1918 waren zusätzlich viele Schulen geschlossen: Es gab für Lehrer «Ernäh- rungsschwierigkeiten», zu wenig Schuhe und Klei- dung, ausserdem grassierte die Grippe.77 Und schliesslich litten die Lehrer und ihre Familien Not. Trotz inflationsbedingter Teuerungszulagen bis zu 80 Prozent auf einen Jahreslohn von 1000 Kronen, konnte man damit nicht überleben. Die meisten Lehrer waren daher auf Nebenbeschäftigungen an- gewiesen.78 Für das christlichsoziale «Volksblatt» lag der Hauptgrund für die Probleme in den Pflichtschulen tiefer: «Gewisse dunkle Mächte planen nicht nur ein Attentat auf die christliche Ehe, sondern vor allem auf den christlichen Geist unserer Schule! Halte also, christliches Volk Vorarlberg, deine Augen offen und unterstütze jene, die dir Glaube und gute Sitte deiner Kinder schützen helfen, und mache dich nicht durch Ungerechtigkeiten zum Totengräber der christlichen Schule».79 Die «dunklen Mächte» wa- ren Juden, die Sozialdemokraten und Deutschfrei- sinnigen mit ihren aufgeklärten Ideen zum Schul- und Erziehungssystem. Um sich öffentliches Gehör zu beschaffen, zeigte sich die Lehrerschaft, über die ideologischen Gren- zen hinweg, solidarisch. Am 24. November 1918 gründeten sie in Dornbirn einen «Lehrerwirt- schaftsrat». Sie setzten sich «einmütig» für eine Er- höhung der Gehälter ein und dafür, dass den nun wieder aus dem Schuldienst entlassenen Aushilfs- lehrerinnen «jede Möglichkeit einer Existenz gebo- ten werde».80 78
        

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