Soziale Klassen und Gruppen ARBEITER Vorarlberg zählte zu Kriegsende rund 130 000 Ein- wohner.63 Davon gehörten 40 Prozent der Berufs- gruppe Industrie und Gewerbe an. Diese bestand überwiegend aus der lohnabhängigen Textilarbei- terschaft. Ihre soziale Lage war schlecht. Auch wäh- rend des Krieges blieben ihre Löhne niedrig, sodass sie teilweise auf die Versorgung durch «öffentliche Kriegsküchen» angewiesen waren und sie bei Kriegsende sogar «Hungerstreiks» inszenierten.64 Die tägliche Arbeitszeit betrug zehn Stunden, einen freien Samstag gab es nicht.65 Das grösste Problem der Arbeiterschaft war die Ernährung: 150 bis 200 g Fleisch während der Woche waren die Regel. Ange- sichts der knappen Brot- und Mehlrationen auf Le- bensmittelkarten mussten Arbeiterfamilien daher «zur Kraut- und Rübenkost greifen, ohne Beigabe von Mehl und Fett». Der sozialdemokratische Land- tagsabgeordnete Franz Rauscher bezeichnete dies als «Schlangenfraß»: «Man kommt dabei körperlich und geistig auf die Stufe, welche dem Bolschewis- mus am allernächsten steht» (Anm.: Hungersnot in der UdSSR).66 Da im Herbst 1918 eine gesicherte Nahrungsmit- telversorgung nur mit Hilfe der Schweiz möglich war, ist zu verstehen, warum der überwiegende Teil der Arbeiterschaft, selbst die sozialdemokratisch gesinnte, von allem Anfang an mit einem Anschluss an die Schweiz sympathisierte. Es war typisch für das industrialisierte Vorarl- berg, dass der Grossteil der (Textil)Arbeiterschaft christlichsozialen Arbeiter/innen-Organisationen an- gehörte, was auch die relative Schwäche der Sozial- demokraten erklärt. Die Christlichsoziale Partei hatte den Grossteil der Arbeiterinnen und Arbeiter auf ihrer Seite, da sie, ganz im Sinne ihrer Tradition, bereits drei Mo- nate vor Kriegsende weitläufige soziale Forderun- gen stellte: Diese betrafen die Einrichtung von Arbeiterkammern, von Arbeiterausschüssen, den Ausbau des vollen gesetzlichen Arbeiterschutzes, Sozial- und Familienversicherungen in allen Kran- kenkassen, ganz abgesehen von 75-prozentigen Lohnerhöhungen.67 Auch im Parteiprogramm vom 
Dezember 1918 forderte man Ähnliches, mit dem Hauptziel, «die Arbeiterschaft dem Mittelstande zu erhalten oder zuzuführen». BAUERN Von grosser gesellschaftspolitischer wie auch wirt- schaftlicher Bedeutung war in Vorarlberg trotz ho- hem Industrialisierungsgrad immer noch die bäuer- liche Klasse. Unter allen Hauptberufsgruppen be- trug ihr Anteil 1918 mit etwa 26 000 Personen rund 31 Prozent, ihr Anteil an der Bevölkerung machte etwa 28 Prozent aus, 41 Prozent aller Familien ge- hörte zu dieser Berufsgruppe. Wenn auch Vorarl- bergs Landwirte nur für wenige Wochen in der Lage waren, die Bevölkerung Vorarlbergs zu ernähren, kam ihnen doch eine zentrale Bedeutung zu. Sie ge- hörten grossteils dem christlichsozialen Lager an und damit der Regierungspartei, die wiederum mit ihnen nicht selten in Konflikt geriet, hatte sie doch die bei den Bauern höchst unbeliebte Zwangsbe- wirtschaftung durchzuführen und Niedrigpreise zu verordnen. Aus diesem Grund kamen Bauern, vor allem wenn sie Selbstversorger waren, häufig ihren Ablieferungspflichten nicht nach. Wenn es in Vorarlberg so etwas wie «Kriegsge- winner» gab, dann finden wir diese unter den Bau- ern. Der deutschfreisinnige Nationalrat und Land- tagsabgeordnete Ferdinand Kinz dazu: «Der Bau- ernstand ist in materieller Hinsicht besser aus dem Krieg hervorgegangen. Es liegt mir ferne, dem Bau- ernstande entgegenzutreten, aber es genügt ein Blick in die Grundbücher, Raiffeisen- und Sparkas- sen, um diese Tatsache zu sehen. Diese Entschul- dung der Bauerngüter ist sehr erfreulich und wirt- schaftlich sehr gesund ... aber ich glaube auch vom Bauernstand ein Entgegenkommen nach dieser Richtung hin verlangen zu dürfen (Festsetzung von Milchpreisen), dass er den berechtigten Wünschen der Konsumenten Rechnung trägt».68 Die Christlichsozialen vermieden es in ihrem Par- teiprogramm vom Dezember 1918 für den Bauern- stand direkte materielle Verbesserungen zu fordern. Die Landwirtschaft wollte man durch Kultivierung 76
        

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