DIE ANFÄNGE DES SELBSTSTÄNDIGEN VORARLBERG GERHARD WANNER leichterungen im Grenzverkehr. Da man nur mit ei- nem Pass die Grenze überschreiten konnte, errich- teten die Schweizer noch vor Mitte November eine eigene Passstelle in Feldkirch.20 In Vorarlberg über- nahmen die politischen Behörden die Funktionen der Grenzpolizei und des Passwesens und regelten auch den Grenzverkehr. Es ging vor allem darum, die Ausfuhr von Kronen und Silbergeld in die Schweiz zu verhindern und «unlautere» Personen abzufangen. Der Verkehr über die Rheinbrücken war nur Vorarlbergern und Schweizer Grenzbewoh- nern mit Pässen oder Passierscheinen gestattet. Der Verkehr von Feldkirch nach Liechtenstein geschah ausschliesslich auf «gebahnten Wegen» (Anm.: von Schnee befreite Strassen). Der Fernverkehr war nur auf den Eisenbahnstrecken Feldkirch-Buchs und Bregenz-St. Margrethen möglich.21 Es gab für die Vorarlberger Landesregierung aber noch einen weiteren Grund, die Grenze zur Schweiz aufmerksam überwachen zu lassen: Die Vorarlberger Presse berichtete ausführlich über die bedenklichen innenpolitischen Vorgänge im be- nachbarten Zürich, wo es trotz Versammlungsver- bot zu Ausschreitungen und Demonstrationen so- zialistischer Arbeiter gekommen war, die nur unter Einsatz von Militär niedergehalten werden konnten. Am 12. November berichtete das «Vorarlberger Volksblatt», in der Eidgenossenschaft seien, verur- sacht durch «zweifelhafte Landfremde ... Revolution und Anarchie russischer Art» ausgebrochen. Es soll- te von der Schweiz aus die «Weltrevolution» einge- leitet werden, Bern befürchte einen Putsch. «Als Herd der modernen Staatskrankheiten darf die Schweiz angesehen werden, von der aus dunkle Mächte einen Weltumsturz einleiten wollen. Bewah- re uns Gott vor Blutvergießen, Elend und Not». Und fast schon prophetisch hiess es weiter: «Heute schon darf gesagt werden, dass das Kriegs- und Re- volutionsjahr 1918 in der Nachwelt und der Ge- schichte dieselbe Rolle spielen wird wie in unserem Urteil das lahr 1848».22 Am 16. November gratulier- te der «Volksfreund» dem Schweizer Bundesrat, dass dieser den «anarchischen Bestrebungen» der streikenden Arbeiterschaft ein militärisches Ende gesetzt habe, von denen sich übrigens die Schweizer 
Sozialdemokraten distanziert hätten. Alles gehe nur auf das Konto «zweifelhafter Landfremder» (Anm.: Lenin), die in der Schweiz während des Krieges Zu- flucht gefunden hätten.23 Wie sehr man in Vorarlberg die Vorgänge in der Schweiz fürchtete, beweist auch ein Leitartikel im christlichsozialen «Volksblatt»: «Die Entwicklung der Schweizer Ereignisse in der letzten Woche war für uns Vorarlberger bedeutungsvoller als alle Vor- gänge in Wien oder Berlin. Wir freuen uns aufrichtig über das Schweizer Bekenntnis zum Ordnungsstaat und beglückwünschen die liebenswerten Nachbarn und Eidgenossen, das wackere Volk der Hirten aller- wärmstens zum Erfolg, der sie zu einer Oase des Rechtes in der Wüste des allgemeinen Umsturzes macht».24 BAYERN UND TIROL Die einseitige Loslösung Vorarlbergs von Tirol und von der dortigen Landesstatthalterei in Innsbruck hatte weder in Vorarlberg noch in Tirol zu öffentli- chen Reaktionen geführt. Was man in Vorarlberg je- doch genauestens beobachtete, das waren die mili- tärischen Verhältnisse in Südtirol, da der Waffen- stillstand vom 4. November 1918 zwischen Öster- reich und Italien eine militärische Katastrophe aus- gelöst hatte: Tausende von Vorarlberger Soldaten gerieten in italienische Gefangenschaft, wertvollste Armeebestände wurden aufgegeben, geplündert oder von den nachrückenden Italienern requiriert. In Tirol herrschten Willkür und Chaos.25 Die Situati- on verschärfte sich auch für Vorarlberg, als die bay- rische Regierung zum Schutz ihrer nun ungeschütz- 20) W, 19. November 1918. 21) 2. La, 9. November 1918, S. 8 und 3. La, 3. Dezember 1918, S. 35 f. 22) VV, 12. November 1918. 23) WF, 16. November 1918. 24) W, 20. November 1918. 25) W. 7. November 1918. 67
        

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