DIE ANFÄNGE DES SELBSTSTÄNDIGEN VORARLBERG GERHARD WANNER Auslandsbeziehungen LIECHTENSTEIN Das Fürstentum Liechtenstein gehörte zwar zum österreichischen Zollverband, erklärte sich aber während des Ersten Weltkrieges formal als neutral. Die Grenzen zu Vorarlberg blieben jedoch offen. Dass es im Landtag des Fürstentums Ende Oktober 1918 zu Bestrebungen kam, welche eine verstärkte Mitsprache des Landtages zum Ziele hatten, regis- trierte man in Vorarlberg kaum, so wenig wie die Vorfälle am 8. November, als Landesverweser Imhof ohne Zustimmung des Fürsten demissionierte und die Geschäfte einem provisorischen Vollzugsaus- schuss übergab. Erst fünf Tage später erfuhr man davon im «Vorarlberger Volksfreund», der lapidar und ohne Kommentar bemerkte: «Die Hauptsache ist vorläufig Ruhe im Lande.» Dennoch tauchten Spekulationen auf, der Fürst könnte abgesetzt wer- den.14 Am 16. November wurde gar berichtet, die neue Liechtensteiner Regierung habe die Schweiz um die Entsendung von Truppen gebeten.15 Die Re- daktion des «Vorarlberger Volksblattes» erkundigte sich beunruhigt bei der Regierung in Vaduz, ob dies der Wahrheit entspräche. Diese versicherte, sie habe lediglich um Schweizer Soldaten als Polizei und um Waffen angefragt, und diese Massnahmen für «Ruhe und Ordnung» trügen keinen «feindseli- gen Charakter gegenüber Vorarlberg».16 In Vorarlberg war man so sehr mit den eigenen Problemen beschäftigt, dass Liechtenstein völlige Nebensache war. Nur in der «Landeszeitung» er- schien am 22. November ein tendenziöser Artikel. Er berichtete von den «Leidenschaften eines Partei- enkampfes» und dass einige «machthungrige Her- ren» einer «Minderpartei» die Herrschaft ergreifen wollten. Dem zurückgetretenen Landesverweser Imhof warf man einen «unglaublichen Akt der Schwäche» vor, betonte jedoch gleichzeitig, dass das Volk empört über diese verfassungswidrigen Vor- gänge sei und treu zum Fürsten und seinem fürstli- chen Hause stehe.17 Liechtenstein trat erst wieder ins Rampenlicht, als Anfang Dezember 1918 österreichische Wachor- gane an der Grenze bei Feldkirch Passkontrollen und Leibesvisitationen durchzuführen begannen, 
ohne dass diese angekündigt worden waren. Sie sollten vorerst auf Anordnung der Vorarlberger Lan- desregierung bis Jahresende in Geltung bleiben.18 SCHWEIZ Nachdem der Erste Weltkrieg ausgebrochen war, kam es zu einschneidenden Veränderungen in den bisherigen Beziehungen zwischen Vorarlberg und der Schweiz. Die guten lokalen, vor allem wirt- schaftlichen Kontakte wurden durch die Grenz- sperrmassnahmen Österreichs und der Schweiz stark eingeschränkt und seit 1917 auf ein Minimum reduziert. Dies traf vor allem die Bewohner der Rheintalgemeinden, ihre von der Schweiz fast völlig abhängige Stickereiindustrie, den kleinen Grenz- verkehr zur Bewirtschaftung von Äckern und zur Beschaffung von Nahrungsmitteln und die Tagesbe- rufspendler über den Rhein. Im Frühsommer 1918 verschärfte sich die Situation zusätzlich, als in der Schweiz die äusserst ansteckende und gefährliche «Spanische Grippe» ausbrach und nach Vorarlberg eingeschleppt wurde.19 Nach der Vorarlberger Selbstständigkeitserklä- rung vom 3. November 1918 kam es zu einigen Er- 6) Ebenda, S. 6 f. 7) Volaucnik 1985, S. 149. 8) Ebenda, S. 150 f. 9) 3. La, 3. Dezember 1918, S. 36. 10) Ebenda, S. 36 f .. sowie Volaucnik 1985, S. 158. 11) VW, 25. November 1918. 12) 3. La, 3. Dezember 1918. S. 40 f, sowie Volaucnik 1985. S. 152- 154. 13) 3. La. 3. Dezember 1918. S. 42 f. 14) WF, 13. November 1918. 15) VW, 16. November 1918. 16) W, 16. November 1918. 17) VLZ, 22. November 1918. 18) Wanner 1973. S. 79, sowie FA, 11. Dezember 1918. 19) Wanner 1999, S. 9-33. 65
        

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