DAS KRIEGSENDE 1918 IN LIECHTENSTEIN UND SEINE AUSWIRKUNGEN / RUPERT QUADERER Im Mai 1920 erliess die Regierung noch Ausfuhr- verbote für Schlachtvieh.67 Auf Drängen der Land- wirte aber gab die Regierung im August 1920 den Viehhandel wieder frei und überliess es dem land- wirtschaftlichen Verein und dem Bauernbund, den Viehexport «in geeigneter Weise zu regeln».68 Die im Oktober 1916 eingeführte Viehausfuhrtaxe wurde aufgehoben. Allerdings legte die Regierung für den Viehexport folgende Leitsätze fest: 1. Beim Export war auf etwaige Kompensation für Lebensmittel, Kohle usw. Rücksicht zu nehmen. 2. Der Export war so einzuschränken, dass die Fleischversorgung im Lande garantiert war. LEBENSMITTELVERSORGUNG DURCH DIE SCHWEIZ «Trotz der Einstellungen der Feindseligkeiten im November 1918 sind die Schwierigkeiten in der Le- bensmittelversorgung im Winter 1918/19 noch ge- wachsen».69 Diese Aussage im XIII. Neutralitätsbe- richt des Schweizerischen Bundesrates gilt auch für die Situation in Liechtenstein. Trotz der ungünstigen Voraussetzungen suchte die liechtensteinische Re- gierung in Bern um Hilfe nach. Diese Hilfe strebte sowohl der im November 1918 für einen Monat an die Macht gelangte «Provisorische Vollzugsaus- schuss» mit Martin Ritter an der Spitze an, als auch die vom Fürsten im Dezember desselben Jahres ein- gesetzte Regierung unter der Führung von Landes- verweser Karl von Liechtenstein. Die erneute Hin- wendung zur Schweiz war eine Konsequenz der Entwicklung in Österreich. Dort war infolge des Krieges und der daraus resultierenden militäri- schen Niederlage der wirtschaftliche Ruin bittere Realität geworden. Darüber hinaus waren der poli- tische Zusammenbruch und die Auflösung der alten k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn, verbunden mit revolutionärem Geschehen, im Gange. In seinem Bemühen, die schwierige Lage Liech- tensteins zu verbessern, wandte sich der «Provisori- sche Vollzugsausschuss» bereits zwei Tage nach Aufnahme seiner Regierungsgeschäfte Hilfe su- chend an den schweizerischen Bundesrat. Über Ver-mittlung 
und in Begleitung des Nationalrates Emil Grünenfelder70, Anwalt in Flums, sprach Wilhelm Beck am 9. November 1918 bei Bundespräsident Felix Calonder71 vor.72 Am Gespräch nahm auch Mi- nister Charles Lardy73 von der Abteilung für Aus- wärtiges des Eidgenössischen Politischen Departe- mentes teil. Beck unterbreitete dem Bundespräsi- denten zwei Anliegen: 1. Das Gesuch um Gewäh- rung eines Grenzschutzes gegen Vorarlberg durch eine «schweizerische Mannschaft» und damit ver- bunden die eventuelle Lieferung von Waffen und Munition. 2. Die Lieferung von Lebensmitteln aus der Schweiz nach Liechtenstein. Das Gesuch um Grenzschutz gegen Vorarlberg war wohl dadurch bedingt, dass für «Vorarlberg ... nach dem 4. No- vember 1918 die Gefahr [bestand], zum Kriegs- schauplatz für die über den Brenner nach Öster- reich einmarschierenden Einheiten der italieni- schen Armee und die aus Bayern gegen Vorarlberg vorrückenden deutschen Truppen zu werden».74 In 67) Kundmachung vom 18. Mai 1920, Zahl 2297/Reg., in: ON Nr. 42/26. Mai 1920. 68) Kundmachung der Regierung vom 11. August 1920, Zahl 3612/Reg., in: ON Nr. 65/14. August 1920. 69) Zitiert nach Jacob Ruchti: Geschichte der Schweiz während des Weltkrieges 1914-1919, II. Band. Bern, 1930, S. 240. 70) Emil Grünenfelder (1873-1971); von Wangs (SG), Anwalt in Flums 1899-1921, Nationalrat 1905-1943, st. gallischer Grossrat 1909-1920, Regierungsrat des Kantons St. Gallen 1921-1942. 1900- 1970 Präsident des Seezunternehmens (Meliorationswerk). Siehe Nachruf im «Sarganserländer» vom 1. Juni 1971, Nr. 103. 71) Felix Calonder (1863-1952); Bundesrat 191 3-1920; Aussenpoli- tisch galt sein Engagement hauptsächlich dem Beitritt der Schweiz zum Völkerbund. Verkehrs- und sicherheitspolitische Motive Hessen ihn für einen Anschluss Vorarlbergs an die Schweiz eintreten, wofür er aber im Bundesrat keine Mehrheit fand. Siehe HLS Band 3. Basel, 2003, S. 175. 72) LLA SF 13.9/191, 11. November 1918; «Bericht von Dr. W. Beck, Mitglied der Landesregierung über seine Mission betr. Grenzschutz u. Lebensmittelversorgung beim Schweiz. Bundesrate in Bern (9. November 1918)». 73) Charles E. Lardy (1847-1923) von Neuenburg. Siehe: Staatska- lender der schweizerischen Eidgenossenschaft 1919. Bern, 1919, S. 38. 74) Wolfgang Weber: Die Revolution 1918/19 in Vorarlberg. Kon- stanz, 1996, S. 137. 41
        

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