DAS KRIEGSENDE 1918 IN LIECHTENSTEIN UND SEINE AUSWIRKUNGEN / RUPERT QUADERER folgenden Debatte vertrat Martin Ritter den Stand- punkt, dass Liechtenstein Entgegenkommen zeigen und Vorarlberg nicht im Stich lassen dürfe. Ritter befürchtete auch, dass sich «ein Volksstrom in unser Land ergiessen» würde, wenn den Vorarlbergern nicht geholfen werde. Grundsätzlich bestand im Landtag Übereinstimmung, dass Vieh nach Vorarl- berg geliefert werden sollte. Man stand auch unter dem Druck, dass bei zu wenig oder zu spätem Ex- port von Vieh eine Futternot im Lande drohen wür- de. Unterschiedliche Auffassungen bestanden ledig- lich in der Preisfrage und der Menge des zu verkau- fenden Viehs. Das Hin und Her in der Debatte dreh- te sich darum, ob ein Preisnachlass gegeben werden solle, wieviel Vieh nach Vorarlberg geliefert werden solle, ob die Zahlung gesichert sei, ob nicht die Schweiz der bessere Handelspartner wäre. Die For- derung, das Vieh gegen Kompensation für Lebens- oder Futtermittel nach Vorarlberg zu liefern, wurde als unrealistisch abgelehnt, da Vorarlberg selbst «ausgesogen» sei. In der Abstimmung wurde der Antrag, das Vieh zu bisherigen Bedingungen nach Vorarlberg zu liefern, mehrheitlich angenommen. Nach Kriegsende erhöhte sich der Druck von Sei- te der Bauern, den Viehhandel wieder gänzlich frei zu geben. Vor allem lockte der Export in die Schweiz, wo mit der harten Frankenwährung die immer schwächere Kronenwährung umgangen werden konnte. Von staatlicher Seite wurden die einschränkenden Vorschriften mit dem Argument der Kompensationsgeschäfte verteidigt und vorerst auch noch aufrecht erhalten. Die Oppositionsgruppe um Wilhelm Beck nutzte die Unzufriedenheit in der Bauernschaft, um durch Kritik an den staatlichen Einrichtungen die Gunst der Bauern zu gewinnen. Dies zeigte sich deutlich in der Landtagssitzung vom 18. Oktober 1918.64 Bei der Besprechung der Be- richte über die Lebensmittelversorgung beantragte Wilhelm Beck, «der Landtag wolle über die gesam- ten Notstandsaktionen einschliesslich der Zentralen eine Untersuchungskommission einsetzen.» Beck nahm damit Bezug auf verschiedene Unmuts- und Misstrauensäusserungen, die sich über die «Ge- schäftsgebahrung» der Vieh-, Kartoffel- und Obst- zentralen ergeben hatten. Es war auch öffentlich da-rüber 
gestritten worden, ob die Viehzentrale bei den Viehverkäufen jeweils den bestmöglichen Gewinn erzielt habe. Die Produzenten waren der Auffas- sung, dass die Zentralen durch die Höchstpreisvor- schriften den Gewinn stark verringerten und zudem noch beträchtliche Spesen verursachten. Zwar be- tonte Beck in seiner Stellungnahme, dass er selbst kein Misstrauen gegen die betroffenen Organe habe. Im Volk jedoch herrsche «ein derartiges Misstrauen, dass es unbedingt nötig sei, die Sachen aufzuklä- ren». Beck meinte, dass die betroffenen Organe selbst ein Interesse an einer «Aufhellung & Widerle- gung der Gerüchte & des Misstrauens» hätten. Lan- desverweser von Imhof und Friedrich Walser rea- gierten etwas indigniert auf die vorgebrachte Forde- rung. Imhof sprach von Verdächtigungen und Ver- leumdungen, Walser fand den Antrag überflüssig und eine Schmach und Landtagspräsident Albert Schädler nannte die geforderte Untersuchungskom- mission sogar eine «Art Gerichtshof». Nach länge- rer, zum Teil heftiger Debatte wurde der Antrag, eine Untersuchungskommission einzusetzen, mit zehn gegen fünf Stimmen abgelehnt.65 An Stelle der abgelehnten allgemeinen Untersuchungskommissi- on wählte die Landtagsmehrheit eine «besondere Kommission» zur Prüfung der Viehverwertungszen- trale. Vier der fünf Mitglieder dieser Kommission ge- hörten der Mehrheitsfraktion des Landtages an; le- diglich Albert Wolfinger aus Balzers kam von der Beck'schen Opposition.66 62) Die «Viehverkaufsstelle für Schlachtvieh und Schlachtschweine» (Viehzentrale) war im Oktober 1915 eingerichtet worden. 63) Siehe dazu LLA LTA 1918, S 4/1918, Landtagsprotokoll vom 12. November 1918. 64) LLA, LTA 1918, S 4/1918. Landtagsprotokoll vom 18. Oktober 1918. 65) LLA, LTA 1918. S 4/1918. Landtagsprotokoll vom 18. Oktober 1918. 66) Kommissionsmitglieder waren: Peter Büchel, Mauren; Karl Kaiser, Schellenberg; Johann Hasler, Gamprin; Franz Josef Hoop, Ruggell: Albert Wolfinger, Balzers. 39
        

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