nen lagen nur vereinzelte Fälle von Lungenentzün- dung vor, ein «Pestbazillus» sei nirgends nachge- wiesen worden. Die Grippe sei beim Militär im Rheintal am Abflauen, bei der Zivilbevölkerung je- doch habe sie zugenommen. Kurz darauf berichtete das «Liechtensteiner Volksblatt» von «beunruhigen- den Gerüchten über das Auftreten von Lungenpest im Rheintal» und von vorübergehenden Einschrän- kungen im Grenzverkehr zwischen Vorarlberg und der Schweiz, beziehungsweise Liechtenstein.49 Die Regierung beruhigte indessen mit der Information, dass es in der Schweiz keine Lungenpest gebe, son- dern nur schwere Fälle von Grippe. Zudem sei die Grenzsperre zwischen der Schweiz und Vorarlberg bereits wieder aufgehoben worden. Die Lage entwickelte sich aber doch so, dass die Regierung über Antrag des Landesphysikus die Ärz- te darauf hinwies, dass die «Verordnung betreffend die Anzeigepflicht ansteckender menschlicher Krankheiten» auch für Grippe gelte.50 Gleichzeitig beauftragte die Regierung die Ortsvorstehungen, alle 14 Tage schriftlich über die Grippefälle in der Gemeinde zu berichten. Im ersten Bericht, der am 15. September zu erstellen war, meldete Landesphy- sikus Batliner, dass etwa 40 «Parteien» wegen Grip- pe in Behandlung stünden, drei der Fälle bezeichne- te er als schwer. Der Höhepunkt der Epidemie war im Oktober und November 1918, gegen Ende November und im Dezember flaute sie deutlich ab. Ab dem 27. Novem- ber wurden die Gemeindeberichte durch die Regie- rung abgesetzt.51 Während der drei Monate Oktober bis Dezember waren gemäss Anzeigen der Ärzte in Liechtenstein 460 Personen an Grippe erkrankt, 36 waren verstorben. Bei einer anwesenden Bevöl- kerungszahl von rund 8750 Personen machte dies einen Anteil von 5,25 Prozent an Erkrankten und 0,42 Prozent an Verstorbenen aus. Bezogen auf die Zahl der an Grippe Erkrankten machte die Todesra- te 7,8 Prozent aus. Der Vergleich zwischen Liechtenstein, der Schweiz und dem Kanton St. Gallen zeigt, dass in Liechtenstein ein geringerer Prozentsatz der Bevöl- kerung an Grippe erkrankte, von der Erkrankten je- doch ein weitaus grösserer Prozentsatz verstarb. 
Die gegenüber Liechtenstein höheren Prozentzah- len an Erkrankten in der Schweiz dürften darauf zu- rückzuführen sein, dass es in der Schweiz allein un- ter den Soldaten 3000 Grippetote gab. Eine Frage ist auch, wie intensiv die Krankheitsfälle erfasst wur- den, beziehungsweise von den betroffenen Familien gemeldet wurden. Wie die Bemerkungen in den Ge- meindeberichten zeigen, war es für die Ortsvorste- hungen zum Teil schwierig, genaue Zahlen zu eruie- ren.52 So heisst es etwa im Bericht von Triesen, dass die Grippe «in jedem 2. Haus» Einzug gehalten habe. Triesenberg meldete in der ersten Oktober- hälfte neun Grippefälle, der Vorsteher bemerkt aber dazu, dass es «sicherlich» mehr Fälle gebe, als an- gemeldet seien. Aus Mauren berichtete der Vorste- her, dass die Grippe sich «sehr ausgebreitet» habe und «ca. 200 Personen» in 49 Häusern betroffen sei- en. Aus anderen Gemeinden kamen sehr allgemein gehaltene Angaben wie «stark im Abnehmen begrif- fen», «in den meisten Häusern», «mehrere, aber keine gefährlichen». Diese Beispiele zeigen, dass die statistische Aussagekraft der Erhebungszahlen mit einer gewissen Vorsicht zu interpretieren ist. Dies ergibt sich auch aus der Bemerkungen des Triesen- berger Vorstehers, der im November 1918 lakonisch festhielt, dass die periodischen Berichte der Ge- meinden «mehr als überflüssig» seien, «indem zur Verhinderung der fraglichen Krankheit weder hier noch in anderen Gemeinden nicht die geringste Massregel beachtet» werde.53 Eine Erklärung für die hohe Prozentzahl der Ver- storbenen im Vergleich zu den Erkrankten kann vielleicht darin gesehen werden, dass die medizini- sche Versorgung in Liechtenstein nicht dem schwei- zerischen Standard entsprach. Zu beachten und zu bedenken ist, dass diese grassierende Grippe mit ih- ren zum Teil tragischen Folgen sich in einer Zeit der allgemeinen innen- und aussenpolitischen Umwäl- zung ereignete. Zu der Frage nach Lösung der tägli- chen Not gesellte sich auch noch diejenige der politi- schen Neuorientierung hinzu. 32
        

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