DAS KRIEGSENDE 1918 IN LIECHTENSTEIN UND SEINE AUSWIRKUNGEN / RUPERT QUADERER ren an die Kantone vorerst ebenfalls von einem «ziemlich gutartigen Charakter» der Grippe spra- chen.45 Nur wenige Tage später berichtete das «Liechten- steiner Volksblatt», dass «die Grippe im Süden in unser Ländchen eingezogen» sei.46 In diesem Bei- trag heisst es, dass die Krankheit «im allgemeinen nicht schwer» verlaufe, wenn nicht Komplikationen wie Lungenentzündung hinzuträten. In der letzten Zeit habe die Krankheit in der Schweiz aber einen «bösen Verlauf genommen». Als gefährlich habe sich die Grippe vor allem für ältere Leute und für Leute mit geschwächter Konstitution erwiesen. Die Krankheit habe sich dort am stärksten verbreitet, wo Menschenansammlungen stattgefunden hätten, wie zum Beispiel in Kasernen, was erkläre, warum sie häufig beim Militär auftrete. Auch die Regierung hielt in einem Rundschreiben an die Ortsvorstehungen fest, dass die Grippe bei der Zivilbevölkerung des Rheintales verstärkt auf- trete.47 Die Regierung empfahl deshalb, den Verkehr mit der Schweiz möglichst einzuschränken. Landes- verweser Imhof meinte aber, dass «das Auftreten der Lungenpest im Rheintale» eine Grenzsperre nicht erforderlich mache.4S Nach seinen Informatio- 32) LLA S 45/44/Strafsachen. 19. Juni 1918; Einvernahmeprotokoll Julius Meier. 33) LLA S 45/44/Strafsachen, 19. Juni 1918; Einvernahmeprotokoll Julius Meier. 34) LLA S 45/44/Strafsachen, 12. Juni 1918; Einvornahmeprotokoll Ludwig Keckois. 35) LLA S 45/44/Strafsachen, 31. Juli 1918: Amtsvermerk der Staatsanwaltschaft Vaduz. 36) LVolksblatt Nr. 27/5. Juli 1918. 37) ON Nr. 45/2. November 1918. 38) LLA RE 1919/1287, 12. März 1919; Julius Meier an liechtenstei- nische Regierung. 39) Mit weltweit zwischen 20 und 50 Millionen Todesopfern war die Grippepandemie von 1918 weit verlustreicher als der Erste Welt- krieg. Die so genannte Spanische Grippe, die ihren Ursprung wohl in Asien hatte, erfasste in der Schweiz in zwei Wellen zirka zwei Millionen Menschen. Sie forderte zwischen Juli 1918 und Juni 1919 24 449 Todesopfer (0,62 Prozent der Bevölkerung von 1918) und stellt damit die grösste demografische Katastrophe der Schweiz im 20. Jahrhundert dar. In allen Kantonen (ausser im Tessin) waren die 
Männer unter den Toten übervertreten. 60 Prozent aller Toten waren zwischen 20 und 40 Jahre alt, ein bislang ungeklärtes Phänomen. Tendenziell war die Sterblichkeit in den Peripherien höher als in den städtischen Zentren. Inwieweit auch sozioökonomische Faktoren das Mortalitätsniveau beeinflusst haben, bleibt umstritten. Siehe: FILS, Band 5. Basel, 2005, S. 710; ebenso Markus Gassner: Die Grippeepi- demie vor 75 Jahren. In: Terra plana 4/1993. Mols, 1993; Christoph Mörgeli: «Verwüstung an unserer Volkskraft». Grippepandemie von 1918 - Behörden zuerst beschwichtigend, dann hilflos. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 268 vom 16. November 2005. S. 17. 40) Christoph Mörgeli, wie Fussnote 39. 41) Die Bezeichnung «spanische Grippe» rührt daher, dass im neutralen Spanien, wo im Gegensatz zu den Krieg führenden Staaten keine Pressezensur herrschte, über diese Krankheit offen berichtet wurde. Siehe dazu: Christoph Mörgeli, wie Fussnote 39. 42) LLA RE 1918/3172. 24. Juli 1918; Ortsvorstehung Balzers an liechtensteinische Regierung. 43) LVolksblatt Nr. 30/26. Juli 1918. 44) LLA RE 1918/3172, 27. Juli 1918; Stellungnahme Felix Batliner. 45) Christoph Mörgeli, wie Fussnote 39. 46) LVolksblatt Nr. 31/2. August 1918. 47) LLA RE 1918/3509 ad 3172, 12. August 1918. 48) LLA RE 1918/3509 ad 3172. 12. August 1918; Kommentar Imhofs zur Frage einer Grenzsperre. aJtoureit. ©tippe. ®ie ©rippe, biefer tficfifdje, unerwfinfdjte ©aft, tritt in unfcrer ©emcinbc Ijeftig auf unb Ijat fdjon jaci XobeSopfer geforbert, bcn SScteran SJewIjarb Oeljri unb bie Sranfenpflegertn Sßaulina 9Jceter. 3m ©egenfafce $u ber ©djweig, teo iljr ^auptfädjltdj iun8e' fräfttge SMänner juni Opfer fielen, 
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r5Dte' fteb.) Bericht im Liechtensteiner Volksblatt vom Oktober 1918 über Grippe-Erkran- kungen in den Gemeinden Mauren und Triesen. 31
        

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