DAS KRIEGSENDE 1918 IN LIECHTENSTEIN UND SEINE AUSWIRKUNGEN / RUPERT QUADERER rückkehren wollten. Da die Schweiz deren Einreise nur über die Strassengrenze Schaan-Buchs erlaub- te, waren verkehrstechnisch bedingte Verzögerun- gen eingetreten. Für die nächsten Tage wurde je- doch Abhilfe in Aussicht gestellt. Ab dem 18. Novem- ber konnte die Rückführung denn auch in die Tat umgesetzt werden. Dieses Datum wurde als Stichtag für die Abreise der Soldaten und Kriegsgefangenen festgesetzt.25 Für die österreichischen Soldaten, welche in die Schweiz reisen wollten, wurde in Feld- kirch eine Passstelle errichtet, welche die Einreise- bewilligungen für die Soldaten besorgte. Die italieni- schen und französischen Kriegsgefangenen muss- ten an diesem Tag ebenfalls aus Liechtenstein nach Feldkirch zurückkehren. Die italienischen Deser- teure, welche nach Feldkirch «zurückspediert» wurden, konnten sich in Österreich aufhalten und erhielten die Zusicherung, dass sie nicht an Italien ausgeliefert würden.26 Für die Organisation des Heimtransportes der Kriegsgefangenen konnte Liechtenstein die Dienste der Schweiz in Anspruch nehmen. Die schweizeri- sche Regierung informierte am 7. November 1918 die Landesregierung in Vaduz darüber, dass italieni- sche Kriegsgefangene durch die Schweiz «heimbe- fördert» würden.27 Zu diesem Zweck sollten Extra- züge unter der Begleitung von schweizerischem Mi- litär auch die italienischen Kriegsgefangenen in Schaan abholen. Die Regierung nahm dieses Ange- bot dankbar an. Vom 8. November an reisten die Sol- daten aus Schaan - es waren Italiener, Franzosen und in der Schweiz ansässige Österreicher - wieder in Richtung ihrer Heimat ab. Das «Liechtensteiner Volksblatt» meldete Mitte November, dass täglich «heimkehrende Krieger» nach Liechtenstein ein- und wieder abreisten, «alle voller Sehnsucht nach ihrer Heimat».28 Das «Liechtensteiner Volksblatt» ermahnte die Bevölkerung, «diesen Leuten freund- lich zu begegnen, damit diese gute Eindrücke vom Land mitnehmen» würden. Vom 8. bis 18. Novem- ber 1918 hatte die Gemeinde Schaan 5715 Kronen für «die Verpflegung und Unterkunft durchreisender Soldaten» ausgegeben.29 Diese Ausgaben waren für Lebensmittelankäufe, vor allem für Kartoffelliefe- rungen, entstanden. Dazu kamen Unkosten für Pe-troleum, 
Geschirr, Stroh, sowie Entschädigungen für die Nachtwache der Feuerwehr, für die Einsätze des Arztes und des Pfarrers und «für verschiedene Arbeiten». Insgesamt hatten sich während dieser zehn Tage 1274 Soldaten in Schaan aufgehalten, nämlich 749 Österreicher, 456 Italiener - darunter auch 89 Deserteure - und 69 Franzosen. Die Kosten übernahm das Land Liechtenstein. Das Eindringen der ausgedienten Soldaten nach Liechtenstein hatte bei der provisorischen Regie- rung einige Aufregung verursacht. Die neue Regie- rung stand unter Erfolgszwang, hatte sie doch Lan- desverweser Imhof vorgeworfen, dass er zu wenig initiativ regiert habe. So wurden von den Verant- wortlichen Entschlossenheit und Tatkraft demons- triert. Die realen Verhältnisse zeigten allerdings, dass die Durchsetzung der gefassten Entschlüsse nicht ohne weiteres möglich war. Liechtenstein hat- te den in grösserer Anzahl über die Grenze vordrin- genden ausgedienten Soldaten keine durchset- zungsfähige Ordnungsmacht entgegenzusetzen. Es war nur dank der Hilfe der Schweiz möglich, die durch die Kriegswirren vom November 1918 ent- standenen Schwierigkeiten so rasch zu lösen, dass keine tiefgreifenderen Probleme daraus erwuchsen. EXKURS: REHERUNG DER SEIFENNOT Wie bei anderen Produkten, traten auch bei der Sei- fe Surrogate an die Stelle des ursprünglichen Fabri- kates. Ausdruck der im Lande bestehenden Schwie- rigkeit der Seifenversorgung, ja der allgemeinen Notlage überhaupt, ist ein im September 1918 im 25) LLA RE 1918/4963, 16. November 1918; Kundmachung der Regierung. 26) LLA RE 1918/4994 ad 4843, 16. November 1918; Aktennotiz der Regierung. 27) LLA RE 1918/4860, 7. November 1918; Telegramm «Auswärti- ges» an liechtensteinische Regierung. 28) LVolksblatt Nr. 46/1918. 15. November 1918. 29) LLA RE 1919/97, 6. Januar 1919; Verzeichnis der Ausgaben der Gemeinde Schaan für Verpflegung und Unterkunft österreichischer, französischer und italienischer Soldaten. 27
        

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