LIECHTENSTEIN IN ALTEN SCHILDERUNGEN NORBERT W. HASLER reift, goldene Ährenfelder wogen, und saubere Dör- fer aus Obstbaumwäldern dich grüssen - ein liebli- cher Fleck Erde, zu dem du gerne wieder zurück- kehrst, wenn du ihn einmal besucht hast. An einem schönen Sommertag ist auch der Ka- lendermann nach Vaduz, dem Hauptort des Fürs- tentums, gereist; dort gab es etwas Schönes zu se- hen: das Freilichtspiel «Herr Walther von der Vogel- weide» auf Schloss Vaduz, ein deutsches Burgen- spiel. Das war im Sommer 1924. Aber auch später noch war «man» dort, ist auf der geschnitzten Lau- be des schmucken Landhauses des Herrn Landtags- präsidenten gesessen, beim kühlen Trunk Vaduzer Eigengewächs, einem Tropfen, an dem selbst ein Herr Spazzo, der Herzogin Hadwig zu Schwaben Kämmerer, seine helle Freude gehabt hätte. Pol- ternd würde er in seiner Katerstimmung ausgerufen haben: Ja, ja, der Vaduzer Trätzier war gut, Mord und Brand, den landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmassung kein Eintrag geschehen!» Bei diesem kühlen Trünke, was war das für ein ge- ruhsam Plaudern mit dem Herrn Landtagspräsiden- ten und dem fürstlichen Regierungssekretär. Ein Frag- und Antwortspiel über das schöne Ländchen und seine Beschaffenheit, seine Geschichte, seine Poütik und seine wirtschaftlichen Verhältnisse - ein staatsbürgerlicher Unterricht, wie ihn kein Schul- buch besser erteilen könnte. Ein herrlicher Som- merabend krönte das Ganze. In wunderbarem Glänze entboten die Liechtensteiner Berge den Ab- schiedsgruss, in helles Licht getaucht war das wun- dersame Bild der Burg Hohen Liechtenstein mit ih- ren Türmen und Zinnen, ihren Erkern und Fes- tungsmauern, deren Silhouette sich scharf vom Abendhimmel abhob. In sternklarer Nacht wurde heimgefahren, noch lange wird das Erlebte und Ge- schaute in der Erinnerung weiterleben. Da kommt dem Kalendermann ein Aufsatz von Paul Siegfried in die Hände, den er im Sonntagsblatt der «Basler Nachrichten» veröffentlicht hat. Es ist dies das Beste von dem, was je über Liechtenstein geschrieben worden ist und es soll auch für uns ein Wegweiser sein, das Ländchen kennen zu lernen. Sein enger, wirtschaftlicher Anschluss an die Schweiz, den das bei uns immer noch zu wenig be-kannte 
Liechtenstein erst in den letzten Jahren voll- zogen hat, die Tatsache auch, dass dieses an Natur- schönheiten so reiche Gebiet infolgedessen nach Wegfall aller Zoll- und Passschwierigkeiten dem Schweizer heute völlig offen steht, das alles rechtfer- tigt es vielleicht, wenn auch der Häädler-Kalender, der auch im Ländli ennet dem Rhein kein Unbe- kannter ist, einmal versucht, einen Gesamtüberblick über Liechtenstein zu bringen. Durch eine sonderbare Laune der Weltgeschichte ist es neben den Republiken Andorra und San Mari- no sowie dem Fürstentum Monaco als vierter selb- ständiger Zwergstaat Europas erhalten geblieben. Nicht nur als letzte, noch aufrecht gebliebene Mo- narchie im deutschen Sprachgebiet auch sonst in mehr als einer Beziehung steht Liechtenstein als völlig einzigartige, staatsrechtliche Merkwürdigkeit da. Es ist der einzige Überbleibsel des 1866 zu Gra- be gegangenen Deutschen Bundes. Ja noch mehr: als letzter Rest des weiten Deutschlands jener vor- preussischen Zeit ragt es fast in der gleichen Gestalt wie damals in unser heutiges Europa hinein. Die wirtschaftliche Grundlage Liechtensteins ist heute noch wie von altersher die Landwirtschaft. Sie be- fasst sich mit dem Anbau fast aller Gartengewächse und Getreidearten sowie mit der Kultur von Kartof- feln, Mais, Hanf, Obst und Wein. Der Schwerpunkt der Landwirtschaft aber liegt in der Viehzucht, die Quelle eines bescheidenen Wohlstandes der Liech- tensteiner bildet, wie auch die wohlgepflegten Wäl- der des Ländchens manch willkommene Einnahme bringen. Neben dem wichtigsten Erwerbszweig, der Landwirtschaft, stehen aber auch Gewerbe und In- dustrie in vielversprechender Entwicklung; das gilt auch vom Fremdenverkehr, dessen Hebung und Be- lebung neuerdings erhöhte Aufmerksamkeit ge- schenkt wird. Zwar findest du keine Riesenhotelkäs- ten, die die ganze Gegend verschandeln, doch hoch auf grünen Alpen oben gewähren einige bescheide- ne Gast- und Kurhäuser gut bürgerliche Unterkunft. Über alles Wissenswerte gibt gratis Auskunft: die Wirtschaftskammer in Vaduz. Beginnen wir unsere Reise in Vaduz, wohin wir vom st. gallischen Sevelen aus über eine gedeckte Holzbrücke gelangen. Kein Zollwächter steht mehr 301
        

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