Ein Abstecher nach dem Fürstentum Liechtenstein VON OSCAR ALDER Eine sehr wohlwollende, persönlich intensiv recher- chierte Schilderung bringt Oscar Alder aus der Ap- penzeller Nachbarschaft seinem Leserkreis im Ap- penzeller Kalender auf das Jahr 1928, ein Porträt des Fürstentums vor 80 Jahren. 
Jetzund, viel teurer Kalenderleser, umgürte deine Lenden, greif zum Wanderstab und fahr' mit uns über die Grenze und über den Rhein, als guter Repu- blikaner, hinein in ein Ländchen, das als einzige Mo- narchie innerhalb des deutschen Sprachgebietes sich behauptet hat, in der heutigen Welt, die Throne wanken und stürzen und Kronen auf die Strassen rollen sah, nach Liechtenstein, das trotz aller politi- scher Erschütterungen in den Nachbarstaaten treu und fest an seinem angestammten Fürstenhause festhält, dabei aber rege wirtschaftliche Beziehun- gen zur freien Schweiz unterhält, mit der es be- freundet ist. In einer Zeit, in der fast unbegrenzter Fortschritt auf den Gebieten des Handels und der Industrie, des Verkehrs und der Produktion eine Absage an alle Kleinstaaterei bedeutet, in Zeitläufen, denen ein ausgeprägtes Streben nach Gründung auf nationa- ler Grundlage eigen ist und die wenig Verständnis für die Eigenart und Bodenständigkeit kleiner Na- tionen besitzen, erscheinen die paar Kleinstaaten Europas, deren Selbständigkeit ein gütiges Geschick wahrte, wie eine sonnige Erinnerung aus den Tagen des Mittelalters, einem gotischen Kirchlein in einen versonnenen Erdenwinkel vergleichbar, über das sich Sagenreiche Linden schirmend neigen. Gerne hält da auch der weitgereiste Wanderer Rast und nimmt den Zauber einer entschwundenen Roman- tik in sich auf. Einer der kleinsten dieser Kleinstaa- ten ist das Fürstentum Liechtenstein. Dies Länd- chen mutet uns an wie der Anblick eines Holzschnit- tes von Ludwig Richter. In sieben knappen Wegstun- den kann man es durchwandern - seine Länge be- trägt, von der Vorarlberger Grenze bis an die Tore Graubündens, unterhalb der Festung Luziensteig, etwa 30 Kilometer. Das Ländchen hat nicht einmal so viel Einwohner, wie das appenzellische Dorf Heri- sau; nur 10 000 Menschen sind es, die das Fürsten- tum Liechtenstein bewohnen. Wenn es auch keine Seen und Gletscher hat, so ist es doch ein schönes Ländli. Die Anmut des Südens vermählt sich hier mit der Majestät des Hochgebirges. Von den Bergen der Rätikonkette tut sich der Blick weit auf über die Fir- nenwelt Tirols und der Schweiz bis zu den sonnigen Talgeländen in der Rheinebene, wo der Weinstock 
Neuer Appenzeller oder Häädler Kalender für das Jahr 1928, 62. Jahrgang, Verlag R. Weber, Heiden 1927. 300
        

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