LIECHTENSTEINISCHES LANDESMUSEUM 2008 blikum immer noch akzeptiert wird. Aber im Be- wusstsein, dass Museen Orte sind, an denen Wirk- lichkeit simuliert wird, können sie wieder zu Orten der Entdeckung werden. Eine Voraussetzung für das Gelingen eines solchen Ansatzes ist, dass Ausstel- lungen nicht vermeintliche Antworten geben, son- dern vielmehr Fragen aufwerfen und einen Dialog mit dem Besucher initiieren. Das Stichwort «Dialog» bringt mich zum nächs- ten und wichtigsten Stichwort: 
dem Nutzen. Wer soll im Museum einen Dialog führen, für wen werden Ausstellungen geplant, wem nutzt das Museum? Auch hier ist ein Blick in die Geschichte wieder erhellend. Eines der ersten öffentlichen Museen in Europa war das British Museum. Ab 1753 stand es ausgewählten Besuchern offen, das heisst den gebil- deten, adeligen Schichten. Die ersten Benützungs- bestimmungen gewährten zwar freien Eintritt, leg- ten aber fest, dass Besucher nur in Gruppen zu fünft, mit einem Führer und maximal eine Stunde lang das gesamte Museum durcheilen konnten. Und be- eilen musste man sich, wenn man die damals be- reits gewaltige Sammlung sehen wollte. 1810 durfte immerhin schon «any person of decent appearan- ce» das Museum betreten. Erst in den 1830er Jah- ren, also 80 Jahre nach Gründung, kam es anläss- lich einer Debatte zur öffentlichen Finanzierung des Museums und - nota bene - nach Protesten der Be- völkerung zu einem Grundsatzstreit zwischen Par- lament und Museum über den Zugang zum Museum für alle Schichten. Während die Politiker als Anwälte eines demokratisch-öffentlichen Museums auftra- ten und die «moralische» Wirkung des Museums auf die Unterschichten hervorhoben, verteidigte die Museumsleitung die Tradition der sozialen Distink- tion und argumentierte, eine Öffnung des Museums würde «nur Seeleute mit ihren Mädchen» anlocken, die andere Besucher stören würden. Neben diesen proletarischen Existenzen fürchteten sie vor allem Kinder, denen sie die für einen Museumsbesuch nö- tige Disziplin absprachen.10 Museen stehen heute allen offen, aber nicht alle kommen. Museen grenzen heute niemanden mehr aus, so wie dies im 19. Jahrhundert nicht nur das British Museum tat. Ganz im Gegenteil, heute müs-sen 
Museen daran interessiert sein, möglichst viele Menschen zu erreichen und insbesondere diejeni- gen, die als bildungs- und museumsfern beschrie- ben werden. Wer sind die Bevölkerungsgruppen, die für Museen in den nächsten Jahren besonders wich- tig sein sollten? Älter, bunter, weniger - so lautete ein Buchtitel zum Thema kulturelle Bildung und De- mographie." Der Titel verweist auf zwei Zielgrup- pen, denen Museen zunehmend Aufmerksamkeit widmen müssen: Senioren und Migranten. Was nicht bedeuten soll, dass den bisherigen Zielgrup- pen, insbesondere Kinder und Jugendlichen keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt werden sollte. Wir wissen heute schon, dass in den nächsten Jahrzehn- ten die Bevölkerungsgruppe der über 60-Jährigen deutlich zunehmen wird. Diese zukünftigen Senio- ren werden eine Generation sein, die materiell, sozi- al und gesundheitlich gut dasteht und aktiver, mobi- ler und formal gebildeter als frühere Generationen ist. Die aktiven Senioren erwarten neben attraktiven Ausstellungen vor allem einen hohen Besuchskom- fort, der ihren Bedürfnissen gerecht wird: Aufzüge, Sitzmöglichkeiten, gut lesbare Texte, eine ordentli- che Beleuchtung - alles Dinge, die auch jüngere Menschen angenehm empfinden. Die europäische Bevölkerung wird aber nicht nur älter - sie wird auch deutlich , das heisst in- ternationaler und kulturell und ethnisch vielfältiger. Wirtschaftliche Globalisierung, transnationale Mo- bilität und Migration bestimmen unsere Gesell- schaften. Integration ist eine zentrale Herausforde- 7) Gottfried Korff: «Die Popularisierung des Musealen und die Musealisierung des Populären». In: Gottfried Fliedl (Hrsg.): Museum als soziales Gedächtnis? Klagenfurt, 1988. 8) http://www.gnm.de/geschichte.html, 13. Februar 2009 9) Anja Dauschek: Landesmuseen im 21. Jahrhundert. In: Liechten- steinisches Landesmuseum (Hrsg.): Liechtensteinisches Landesmu- seum. Geschichte, Sammlungen. Ausstellungen, Bauten. Vaduz. 2004. S. 261 ff. 10) Journal of a Tour and Residence in Great Britain, zitiert nach Marjorie Caygill: The Story of the British Museum, London, 2000, S. 13 f. Übersetzung Anja Dauschek. 11) Matthias Dreyer (Hrsg.): Alter. Bunter. Weniger. Die demographi- scho Herausforderung an die Kultur, Bielefeld, 2006. 293
        

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