LIECHTENSTEINISCHES LANDESMUSEUM 2008 einzigartig und unverwechselbar? Was kann ich besser als alle anderen? Was ist das exklusive Ver- sprechen, das ich meinem Publikum machen kann? Kurz: Was ist die (Raison d' etre> meines Hauses?»2 Das Landesmuseum hat sich meines Erachtens mit seinem Leitbild hier bereits ein sehr gutes Arbeits- programm gegeben. Ich möchte das fünfjährige und sehr erfolgreiche Bestehen des Liechtensteinischen Landesmuseums zum Anlass nehmen, einige Fragen, die an die Insti- tution Museum in Zukunft gestellt werden, ein we- nig genauer unter die Lupe zu nehmen. Meine Über- legungen gelten für Museen insgesamt, ich habe mir aber erlaubt als Gliederung meiner Gedanken die Überschriften der sechs Abteilungen des Landesmu- seums zu borgen. Denn mit den Verben «schützen - herrschen - nutzen - siedeln - schaffen - feiern» kann einiges über Museen gesagt werden: Museen schützen Objekte, die beherrschen manchmal die Geschichte und sie sind hoffentlich zu etwas nutze. Museen siedeln an einem Ort, es gibt viel in ihnen zu schaffen und manchmal auch etwas zu feiern ... Beginnen wir also mit 
dem Schützen: Museen sammeln Objekte und bewahren sie - sie beschüt- zen sie vor dem Verfall. Das Sammeln war der Grundstein der europäischen Museen und seit gut 200 Jahren ihre primäre . Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde zumeist die Tra- dition der aristokratischen Kunst- und Wunderkam- mer gepflegt, es wurde das Schöne, Kostbare und Aussergewöhnliche gesammelt - Dinge die wir auch heute noch mit Erstaunen und Freude betrachten. Ende des 19. Jahrhunderts führten die industrielle Revolution und die damit einhergehenden schnellen Veränderungen zu einer allgemeinen Verunsiche- rung, die einen gesellschaftlichen Bedarf an Bestäti- gung und Tradition mit sich brachten. Diese Verun- sicherung zeitigte, so der Philosoph Odo Marquardt, eine zunehmende Zahl von Museen als Orte der Be- wahrung und der Identitätsstiftung.3 Hermann Lüb- be definierte Museen deshalb als «kompensatori- sche Praxis»: Museen kompensieren die Probleme der Menschen mit dem technischen Fortschritt, der «die Erfahrung drohender Zerstörung ihres Objekts voraussetzt».4 Die Bauernstuben der deutschen und 
schweizerischen Landesmuseen, die Ende des 19. Jahrhunderts populär wurden, illustrieren dies in nahezu perfekter Weise. Die rekonstruierten Hei- matstuben dokumentierten nicht nur Tradition und trugen damit zur Festigung nationaler Identität bei, sie zeigten auch eine vermeintlich heile, bessere Welt, die in der Lebenswirklichkeit der Museumsbe- sucher zunehmend verschwand. Das Prinzip der Kompensation durch Musealisierung beschleunigte die Entstehung von Museen im 20. Jahrhundert, denn, so Lübbe, «durch die progressive Musealisie- rung kompensieren wir die belastenden Erfahrun- gen eines änderungstempobedingten kulturellen Vertrautheitschwundes».5 Musealisierung und die Institution Museum werden hier interpretiert als Rettung vor und Notwehr gegen die Moderne, denn (Zitat) «je moderner [d. h. schneller] die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher wird das Muse- um».6 Aber damit nicht genug: Auslöser für die nächste Renaissance des Museums in den 1980er Jahren war das neu entdeckte Interesse an der Sozial- und Alltagsgeschichte. Unter einem, vor allem durch die Volkskunde erweiterten Kulturbegriff fanden neue Themen und andere Objektgruppen den Weg ins Museum. Immer mehr Themen wurden museums- würdig - es kam zur «Popularisierung des Musealen und der Musealisierung des Populären» wie der Tü- ll Hans-Joachim Klein: «Zur Einführung». In: Ders. (Hrsg.): Vom Präsentieren zum Vermitteln. Karlsruher Schriften zur Uesucherfor- schung, Heft 5. Karlsruhe, 1994, S. 11. 2) Hartmut John: «Hülle mit Fülle. Museumskultur für alle - 2.0». In: Hartmut John, Anja Dauschek (Hrsg.): Museen neu denken. Perspek- tiven der Kulturvcrmittlung und Zielgruppenarbeit. Bielefeld, 2008, S. 20. 3) Odo Marquard: «Wegwerfgesellschaft und Bewahrungskultur». In: Andreas Grote (Hrsg.): Macrocosmos in Microcosmo. Die Welt in der Stube. Zur Geschichte des Sammeins 1450 bis 1800. Opladen, 1994. 4) Hermann Lübbe: Der Fortschritt und das Museum. Über den Grund unseres Vergnügens an historischen Gegenständen. London, 1982. S. 7. 5) Ebenda, S.18. 6) Marquard (wie Anmerkung 3), S. 917. 291
        

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