auch für die Untertanen stellte das Urbar einen Ur- zustand dar, wie er zum Zeitpunkt der Grundlagen- erhebung, also kurz nach der Herrschaftsübernah- me, bestanden hatte. Auch wenn dies weder aus dem brandisischen Urbar noch aus dem sulzisch- hohenemsischen Urbar direkt erschlossen werden kann, hatten die Untertanen die Ansprüche des Lan- desherrn anhand des Urbars offenbar akzeptiert. In der Probstei St. Gerold beispielsweise, in der die Grafen von Sulz bis zum Verkauf der Herrschaft Blumenegg an das Kloster Weingarten 1614 die Schirmvogtei ausübten, weigerten sich die Vogtleute bei der Huldigung des neuen Landesherrn, den Eid auf den Hofrodel und auf das Urbar zu schwören. Sie wollten den Eid lediglich anhand der Lehens- briefe leisten.107 Möglicherweise war dieses Erleb- nis mit ein Grund, weshalb in Blumenegg - wie in Vaduz - nach dem Herrschaftsantritt des neuen Landesherrn ein neues Urbar erstellt wurde. Dieses bezog sich in beiden Herrschaften zwar auf ein älte- res Urbar, formulierte aber nun einen Konsens zwi- schen dem aktuellen Landesherrn und seinen Un- tertanen. Im Blumenegger Urbar von 1621 sind die beiden einleitenden Seiten des neuen Urbars für das Motiv der Erneuerung und für die Urbarherstellung auf- schlussreich und lassen auch Parallelen zu den Ur- baren in Vaduz erkennen:108 Der Auftrag zur Aktua- lisierung ging vom Abt des Klosters aus. Als Motiv für die Aktualisierung wird das Alter der Vorlage ge- nannt. Probleme bereitet hätten insbesondere die «uhralten» Namen und Anstösser, die im Urbar ge- nannt werden.109 Der Vorgang der Aktualisierung lässt sich folgendermassen beschreiben: In erster Linie flössen die Kenntnisse eines fünfköpfigen Aus- schusses ein, bestehend aus dem Klostervogt, dem Landammann, zwei alt Landammännern und dem Gerichtsammann, welche sowohl die Befragung durchführten als auch das neu erstandene Urbar als Zeugen beglaubigten. Zudem wurden «die ehesten» der Herrschaft Blumenegg unter Eid genommen und befragt, wobei das Anciennitätsprinzip bei der Rekonstruktion alter Sachverhalte besonders wich- tig war. Danach wurden die Inhaber der Lehen und der anderen Rechte und Pflichten persönlich aufge-boten, 
um ihre Rechtstitel vorzulegen, die Verhält- nisse zu klären und die aktuellen Anstösser der Le- hen zu nennen. Abschliessend wurden die aktuali- sierten Angaben vom Ausschuss im neuen Urbar festgehalten und beglaubigt.110 Im Blumenegger Ur- bar wird noch explizit daraufhingewiesen, dass das Urbar wie ein Original zu betrachten sei, sofern ei- nes oder mehrere der «inserierten documente» ver- loren gehen.111 Im Gegensatz zum brandisischen und sulzisch- hohenemsischen Urbar wurde das Urbar von Blu- menegg wie eine Urkunde von dem fünfköpfigen Ausschuss besiegelt und zum Zeichen des Vollzugs mit dem Datum vom 15. Juni 1621 versehen.112 Hinweise auf eine Urbarherstellung liegen auch aus der Herrschaft Schellenberg vor. Dort entstand sogleich nach der Übernahme der Herrschaft durch die Fürsten von Liechtenstein ein neues Urbar. In der Einleitung zum Urbar hielt Landvogt Johann Franz Bauer fest, dass am 16. April 1699 die «Reno- vation des Schellenberg. Urbarii vor allen anderen die nöthigiste Arbeit zu sein befunden» wurde. Da- nach habe er «solliches pro aeterna memoria zu- sammengetragen» und das Urbar am Dienstag, den 12. Januar 1700, «auf Rofenberg in der undern Stu- ben dem versambleten Gericht und allen Under- thonnen von Worth zu Worth abgelesen», worauf diese es «in allem und jedem richtig befunden» ha- ben.113 In Schellenberg waren die Untertanen nicht nur an der in neun Monaten erfolgten Urbarherstel- lung beteiligt, sondern auch an der Inkraftsetzung derselben. Das Vorlesen und die Inkraftsetzung des Urbars mittels der Akzeptanz der Anwesenden stell- ten einen Rechtsakt dar, mit dem das Urbar zur Rechtsgrundlage erhoben wurde. Auch die Untertanen von Schaan und Vaduz sa- hen im Urbar eine Rechtsgrundlage, auf die sich so- wohl der Landesherr als auch die Untertanen bezie- hen konnten. Sie beschwerten sich 1720 wegen «Nichteinhaltung des sulzischen Urbars und ande- rer Gerechtsame», obwohl ihnen dies bei der Huldi- gung versprochen worden sei.114 Demnach wurde auch in der Grafschaft Vaduz anlässlich der Huldi- gung auf das Urbar Bezug genommen. Das Vorlegen der Lehensbriefe durch die Lehensträger anlässlich 150
        

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