Graubünden 0,64 Prozent; er entsprach damit fast genau dem gesamtschweizerischen Durchschnitt von 0,62 Prozent. Vom Leid von ehemals durch die Grippe betroffener Familien wurde manchenorts noch lange berichtet.4 DER GENERALSTREIK VON 1918 Die soziale Not der unteren Klassen führte Mitte 1918 zu Teuerungsdemonstrationen in mehreren grossen Schweizer Städten. Ein schweizerischer Ar - beiterkongress von Ende Juli griff elf Forderungen des «Oltener Aktionskomitees» auf und unterbrei- tete diese dem Bundesrat, unter Androhung eines Landesstreiks. 
Das «Oltener Aktionskomitee» war am 4. Februar 1918 von Vertretern der Sozial- demokratischen Partei, des Gewerkschaftsbundes, der sozialdemokratischen Bundeshausfraktion und der Linkspresse eingesetzt worden und stand unter der Leitung des Berner Nationalrats Robert Grimm; es hatte zum Ziel, die Einheit der Arbeiterschaft im Kampf gegen die bürgerhch-kapitalistische Gesell- schaftsordnung zu gewährleisten. Im Sommer 1918 machte der Bundesrat nun ge- genüber den Forderungen des «Oltener Komitees» einige Zugeständnisse, was vorübergehend zu einer Entspannung der innenpolitischen Lage führte. Die- se Stimmung wurde zunächst noch gestärkt, nach- dem die Proporzwahl des Nationalrats in einer Volksabstimmung am 13. Oktober 1918 klar ange- nommen wurde, und zwar gegen den Willen des Parlaments. Damit war ein wesentlicher Punkt des Oltener Komitees dem Grundsatze nach erfüllt - es brauchte noch die gesetzliche Ausgestaltung und die konkrete Wahl nach dem neuen Modus, die dann im Oktober 1919 erfolgte. Anfangs November 1918 zeichnete sich der Zu- sammenbruch der Zentralmächte ab, und in Deutschland nahm die Bewegung der Kommunisten revolutionären Charakter an. Rechtskreise in der Eidgenossenschaft befürchteten ein Überschwap- pen auf die Schweiz und sprachen von einer Bürger- kriegsgefahr. Auf Antrag des Generals und der Zür- cher Regierung bot der Bundesrat vier Infanterie-regimenter 
und vier Kavalleriebrigaden zum Schut- ze Zürichs auf (Kommandant Oberstdivisionär Son- deregger): Diese Truppen sollten Zürich vor einem bolschewistischen Umsturz schützen. Als Antwort auf diese unverhältnismässige Mass- nahme rief das Oltener Aktionskomitee am 9. No- vember zur sofortigen Rücknahme der Truppen auf und stellte andernfalls einen unbefristeten General- streik in Aussicht. Dieser Aufruf war begleitet von ei- nem Minimalprogramm der Arbeiterschaft, der acht Punkte enthielt: 1. Sofortige Neuwahl des Nationalrats nach dem Proprozsystem 2. Aktives und passives Frauenwahlrecht 3. Allgemeine Arbeitspflicht 4. 48-Stunden-Woche 5. Reorganisation der Armee als Volksheer 6. Alters- und Invalidenversicherung 7. Staatsmonopole für Export und Import 8. Tilgung aller Staatsschulden durch die Besitzen- den Am 11. November nachts 12 Uhr begann der Lan- desstreik. An diesem Tage endete der Erste Welt- krieg. Der Bundesrat erwiderte mit dem Aufgebot neuer Truppen, und das Bundesparlament, am 12. und 13. November in ausserordentlicher Session versammelt, hiess alle Massnahmen des Bundes- rates gut. Am 14. November erliess der Bundesrat ein Ultimatum für eine bedingungslose Kapitulation (das bedeutete, die Aufhebung des Streiks) an das Oltener Komitee. Dieses beugte sich nun diesem Be- gehren und verfügte das Ende des Streiks auf den- selben Tag nachts 12 Uhr. Damit hatte der Landes- streik drei Tage gedauert, den Eisenbahnverkehr fast völlig und das wirtschaftliche Leben zum Teil lahmgelegt. Dank der Armee hatten Bürgertum und Bauerntum gesiegt. Die Unterstellung von gewisser Historikerseite, dass mit dem Landesstreik der Wille der Linken 
zur revolutionären Machtergreifung verbunden gewesen sei, ist unterdessen von der neueren historischen Forschung klar widerlegt wor- den. Der ausgeprägte Gegensatz zwischen dem «bürgerlichen» und dem «sozialistischen Lager» blieb noch lange nach 1918 bestehen; er schwand 116
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.