WIRTSCHAFTLICHE, SOZIALE UND GESELLSCHAFTLICHE SITUATION ALLGEMEINE LAGE Der Kriegsausbruch 1914 hemmte das ganze wirt- schaftliche Leben. Die Landesregierung erliess Ge- genmassnahmen, welche die sogenannte Kriegs- wirtschaft einleiteten. Unter anderem sicherte sie mit Deutschland und Italien die ungehinderte Durchfuhr von Getreide und die Lieferung von Koh- le. Sie ermächtigte ferner die Kantone, Höchstpreise für den Verkauf von Lebensmitteln festzusetzen und verfügte 1915 ein Monopol des Bundes für die Ein- fuhr von Getreide und Futtermitteln, später auch für Petrol, Benzin und Kohle. 1917 erfolgte die Rationierung von Brot und Mehl, 1918 auch von Fett und Butter, Käse, Milch und Kartoffeln. Teile der Bevölkerung litten grosse Not, insbesondere Arbeiter- und Angestellten- familien. Die wehrfähigen Männer wurden zum Grenzdienst, dem sog. «Neutralitätsschutz», aufge- boten, wofür sie keine Erwerbsausfallentschädi- gung erhielten. Der Teuerungsanstieg seit 1917 (zum Beispiel die Milchpreiserhöhung im April 1918) brachte viele Arbeiterfamilien in arge Nöte.1 Die Ökonomie Graubündens war im Vergleich mit der schweizerischen noch stark agrarwirtschaftlich ausgerichtet: Zirka 45 Prozent Land- und Forstwirt- schaft, 25 Prozent Industrie und Gewerbe, 25 Pro- zent der Dienstleistungssektor und zirka fünf Pro- zent Gastgewerbe und Hotellerie. Nach einem Rück- gang in der Hotellerie (die sich im Laufe des Krieges aber teilweise erholte) stagnierte die Bauwirtschaft, und der Bahnverkehr ging zurück. Die Arbeitslosig- keit stieg an, trotz dem Abbau von Fremdarbeiter- kontingenten, Militärdienst und Ressourcen aus der Land- und Forstwirtschaft. Unter der Teuerung lit- ten am meisten Familien von Arbeitern, Angestell- ten und Kleinhandwerkern. Die gewerkschaftliche Organisation war verschieden strukturiert. So be- sass das Hotelpersonal mit seinen individualistisch geprägten Verträgen eine schwache Organisations- struktur, während das Personal der Rhätischen 
Bahn (RhB) gewerkschaftlich gut organisiert war und relativ erfolgreich gegen Lohndruck und Milch- preiserhöhung protestierte.2 SPANNUNGEN IM GESELLSCHAFTLICHEN GEFÜGE «Graben» zwischen Welsch und Deutsch Die geistige Auseinandersetzung mit dem Kriegsge- schehen führte einen offenen Graben zwischen Deutsch- und Welschschweizern herbei: Die Deutschschweizer sympathisierten im allgemeinen mit den Zentralmächten (Deutschland, Österreich, Italien), die Westschweizer mit der Entente (Gross- britannien, Frankreich). Der Meinungsstreit ver- giftete zeitweise die Atmosphäre und gefährdete den inneren Zusammenhalt. Zur Überbrückung des Gegensatzes trugen insbesondere Vorträge und Pu- blikationen von Carl Spitteier («Unser Schweizer Standpunkt», 1914) und des Genfers Paul Seippel («Die heutigen Ereignisse vom Standpunkte der ro- manischen Schweiz», 1915) bei. Mit dem Verlauf des Krieges liess die deutschsprachige Sympathie für Deutschland nach. Die Spannungen zwischen den Bürgerlichen und dem Sozialistischen Lager Schon 1912 hatte ein eintägiger Generalstreik in Zü- rich (15 000-20 000 Teilnehmer) bessere Lebensbe- dingungen für die Arbeiterschaft verlangt. Die Be- hörden erwiderten mit einem massiven Armeeauf- gebot und harten Repressalien. Es zirkulierte die Rede von der «militarisierten Nation». Am 24. No- vember 1912 fand im Basler Münster ein vielbeach- teter Friedenskongress der Internationale statt. Trotz der behördlichen Repression gegenüber der Arbeiterschaft kam es im August 1914 zu einem so- genannten «Burgfrieden» zwischen den bürgerli- chen Parteien und den Sozialdemokraten, deren Vertreter in der Bundesversammlung die militäri- schen Massnahmen und die Vollmachten des Bun- desrates billigten. 112
        

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