DIE REGIONEN SARGANSERLAND UND WERDEN- BERG IM HERBST 1918/CLAUDIO STUCKY Sie zeigten keinerlei Verständnis für die Gründe des Generalstreiks, sondern sahen darin nur «rei- nen Materialismus, Egoismus und Bolschewismus» am Werk.36 Zwar wurden die sozialen und wirt- schaftlichen Probleme wie Kriegsgewinnler und Entbehrungen weiter Bevölkerungskreise knapp angesprochen, aber auch klargestellt, dass Streik kein Weg aus der Situation sei.37 Einzig die politisch unabhängigen «Werdenber- ger Nachrichten» Hessen offensichtlich einen Arbei- ter in einer Einsendung zu Wort kommen, welcher die Streikbeteiligung «als Pflichterfüllung gegen- über den Organisationen, als Treue zum Arbeiter- wort»38 verteidigte, was mit hoher Wahrscheinlich- keit ein wichtiger Grund für die Beteiligung der Ei- senbahner der Region am Streik war.39 In Mels fand am 17. November 1918 eine «patrio- tische Tagung» mit 600 Teilnehmern statt, die von den beiden bürgerlichen Parteien organisiert wur- de. Es wurde eine Resolution verabschiedet, in wel- cher «Abscheu gegen den Landesgeneralstreik ge- äussert und die Bestrafung der Rädelsführer» gefor- dert wurde.40 Die These von den verantwortungslo- sen Streikführern und den verführten Arbeitern ist auch bei anderen Gelegenheiten immer wieder kol- portiert worden, zum Beispiel von der : «Ein grosser Teil des Stations- und Streckenpersonals unserer Linien wie auch manche des Fahrpersonals von Sargans blieben ihren Verpflichtungen treu, mussten sich aber in die von ihren Kollegen in so unverantwortlicher Weise geschaffene Zwangslage fügen».41 Man nahm also in den bürgerlichen Zei- tungen einen Teil der Eisenbahner in Schutz. Es wäre ja auch völlig unrealistisch gewesen, den Leu- ten, die man als gute Nachbarn und Kollegen kann- te, bolschewistische Umsturzgelüste nachzusagen. Auch auf der Gegenseite wurde polemisiert: Die  zitierte einen Artikel aus der sozialdemokrati- schen «Volksstimme» aus St. Gallen, in dem die nicht-streikwilligen Eisenbahner in Sargans alle- samt als Verräter an der Arbeiterschaft bezeichnet wurden.42 Im Sarganserland wurde die Idee aufgenommen, den wegen des Streiks aufgebotenen Soldaten einen sogenannten «Ehrensold» auszubezahlen. Die In-dustriellen 
des Bezirkes spendeten daraufhin den Bataillonen 76 und 77 einen Ehrensold von 14 000 Franken.43 Die Gemeindebehörden von Mels, Sar- gans und Vilters, die landwirtschaftlichen Vereine und die bürgerlichen Parteien beschlossen die Be- zahlung von zehn Franken für jeden mobilisierten Wehrmann.44 Die Sarganserländer Truppen wurden während des Generalstreiks nicht in Städten eingesetzt wie andere ländliche Truppenteile, sondern von Walen- stadt über Mollis und Ziegelbrücke an die Nordgren- ze nach Marthalen verlegt. Nach zwölf Tagen Ein- satz kehrten sie wieder nach Walenstadt zurück und beklagten viele Grippekranke.45 35) Zu den Vorgängen vgl. Protokoll SP Bezirk Sargans 1998, S. 27-30. 36) Vgl. SL, 25. November 1918. 37) Ebenda. 38) Vgl. Polemik im W&O, 22. November 1918. 39) Vgl. auch SVZ, 15. November 1918. 40) SL, 18. November 1918. 41) SVZ, 15. November 1918; vgl. auch W&O. 15. November 1918 und 4. Dezember 1918. 42) SVZ, 30. November 1918. 43) SL, 4. Dezember 1918. 44) SL, 22. November 1918. 45) Vgl. SL vom 27. November, vom 6. Dezember und vom 9. Dezem- ber 1919. 101
        

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