DIE REGIONEN SARGANSERLAND UND WERDEN- BERG IM HERBST 1918 / CLAUDIO STUCKY weil in Sargans gestreikt wurde. Der Rangierdienst auf dem Bahnhof Buchs wurde mit einer österrei- chischen Lokomotive ausgeführt.32 Sonst blieb es an diesem Tag ruhig. Kein weiterer Zug verliess die Sta- tion. Am Mittwoch, dem 13. November spitzte sich die Lage zu. Der Bahnhof war militärisch besetzt und die Offiziere begannen, Druck auf das streikende Maschinen- und Zugspersonal auszuüben. «Einige handfeste Gewerbetreibende drohten die Streiken- den in den Giessen zu werfen. Vor den Zimmern des Zugspersonals am Bahnhof waren die Schützen aus Zürich aufgestellt, um Tätlichkeiten zwischen dem unsäglich ergrimmten Volke und dem verführten Personal zu verhindern», berichtete der , um dann eine für die damalige bürgerliche Berichter- stattung typische Szene zu beschreiben: Die Frau ei- nes Maschinenführers «bat ihn unter Schluchzen, doch zuerst an die Familie zu denken, bevor man riskiere, die Stellung zu verlieren und sonst hart be- straft zu werden. Vergebens! Ich bin kein Streikbre- cher! lautete die Antwort eines Betörten».33 Auf jeden Fall war der Druck in Buchs so stark, dass sich ein Heizer und ein Maschinenführer unter Protest dem militärischen Marschbefehl beugten und noch am späten Nachmittag mit einem Zug nach Walenstadt fuhren.34 Auch aus St. Gallen kam ein erster Zug in Buchs an, ebenfalls militärisch be- setzt. Am Donnerstag, dem 14. November verkehr- ten alle Züge von und nach Buchs wieder fahrplan- mässig und ohne Militärbegleitung. Der Streik war zu Ende. DER STREIK IN SARGANS Noch angespannter und martialischer verlief der Generalstreik am Bahnhof Sargans. Weil in Zürich schon am 11. November gestreikt wurde, fuhren an diesem Tag die Züge von Sargans in diese Richtung nur bis Richterswil. Am Abend wurde eine Fahrt von Zürich nach Chur zugelassen, um Frauen und Kinder, die in Zürich festsassen, nach Hause fahren zu lassen. Noch am gleichen Abend besetzte die Feuerwehr Mels das Bahnhofs-gelände 
und die Filiale der Kantonalbank in Sar- gans; ein Zeichen dafür, dass man von Seiten der Be- hörden so etwas wie eine Revolution befürchtete. Wie in Buchs streikte in Sargans nur das Fahr- und Depotpersonal, etwa 60 Leute. Auch hier blieb es am ersten eigentlichen Streiktag, dem 12. No- vember, ruhig. Aber am nächsten Nachmittag wur- de Sturm geläutet, die Feuerwehr Sargans aufgebo- ten und 1500 Mann Militär Richtung Bahnhof in Marsch gesetzt, darunter eine Maschinengewehr- kompagnie. Der Militärkommandant befahl die Strei- kenden, die im Streiklokal in der Nähe des Bahnhofs versammelt waren, zum Verhör, worauf diese in cor- pore und in Uniform am Bahnhof aufmarschierten. Der Kommandant drohte ihnen mit dem Militär- strafgesetz, dem die Eisenbahner seit dem 11. No- vember unterstanden. Die angetretenen Soldaten mussten auf Kommando Patronen laden und auf der Rheintaler Seite des Perrons wurden Maschinenge- wehre aufgestellt. Auf diese Art eingeschüchtert, er- klärten sich 15 Streikende als arbeitswillig. Die restlichen Streikenden wurden in Arrestzel- len in Sargans und Mels gesperrt, der Grossteil von ihnen wartete aber noch auf den Abtransport in die Zellen der Kaserne St. Luzisteig. Da verlangte das noch nicht eingesperrte Lokomotivpersonal noch- mals eine Besprechung mit dem gesamten Streik- personal im Hinblick auf die neue Situation. Die schon Verhafteten wurden daraufhin aus ih- ren Zellen zum Bahnhof geholt und nach der ehren- wörtlichen Versicherung des Militärkommandan- 25) König 1998, S. 38. 26) Ebenda, S. 39; Gautschi 1968, S. 318. 27) König 1998, S. 39. 28) Eidgenössische Volkszählung 1920, Heft 8, S. 15-17. 29) Vgl. Protokoll der Zusammenkunft der VSEA Mitglieder. 30) Degen 2006, www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/Dl6533.php 31) Zu den Vorgängen an der Buchser Versammlung vgl. Protokoll der Zusammenkunft der VSEA Mitglieder. 32) Vgl. WSiO, 13. November 1918. 33) W&O. 15. November 1918. 34) Ebenda. 99
        

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