DIE REGIONEN SARGANSERLAND UND WERDEN- BERG IM HERBST 1918/CLAUDIO STUCKY land) und 38 Prozent (Werdenberg)11 war die Pro- blematik der Lebensmittelversorgung und Teuerung für weite Teile der Bevölkerung nicht so spürbar wie etwa in städtischen Gebieten. Die kleinbäuerlichen Verhältnisse, die auch der Industriearbeiterschaft erlaubten, nebenbei noch Kleinvieh zu halten und Ackerland zu bebauen, milderten die Zustände. «Aber bedenken wir, dass vielleicht 50 Prozent der Gesamtbevölkerung sich mit den Rationierungskar- ten begnügen müssen, so haben wir es in dieser Ge- gend immer noch gut, heute besser als in jeder Stadt», so die Einschätzung in einem Artikel des .12 Im industriellen Sektor spürte vor allem die Sti- ckerei-Industrie die erschwerte Lage durch einen Mangel an Rohstoffen einerseits und fehlende Ab- satzmärkte andererseits. Die Sticker ei-Ausfuhren, die im Konsularbezirk St. Gallen im Oktober 1917 noch einen Wert von 1,7 Millionen Franken aus- machten, sanken im Oktober 1918 auf 491 000 Franken.13 Im Dezember 1918 war von einer «schweren Krise in der Stickerei-Industrie» die Rede.14 Zwar flammte 1919 die Konjunktur mit ei- nem wertmässigen Exportrekord kurz auf, aber ab 1920 begann der Niedergang der Stickerei-Indus- trie endgültig. Im Rückgang der Werdenberger Wohnbevölkerung zwischen 1920 und 1930 um 585 Personen zeigte sich eine Folge dieser Krise.15 SCHMUGGEL UND SCHWARZARBEIT Die Verknappung von Gütern in den kriegsführen- den Nachbarstaaten führte im Rheintal und im Wer- denberg an der Grenze zum Fürstentum Liechten- stein und zum Vorarlberg zu einer markanten Zu- nahme des Schmuggels, der schon in früheren Zei- ten eine wichtige Nebenerwerbsquelle bildete. «Ge- schmuggelt wurden vor allem Garn, Stoffe, Gummi, Seife sowie gewisse Lebens- und Genussmittel».16 Im Jahre 1918 kam es zu verschiedenen Schmugglerprozessen. Einer dieser Fälle war ein Schmuggelversuch bei Trübbach, welcher im Juli 1918 vor dem Militärgericht der 6. Division verhan- delt wurde. In der Nacht vom 15. auf den 16. März 
1918 stiess eine schweizerische Militärgrenzpa- trouille mit drei Schmugglern zusammen, die ver- suchten, Fadenspulen im Werte von rund 30 000 Franken über den Rhein zu schaffen. Die alle aus Trübbach stammenden Schmuggler machten da- rauf von ihren Schusswaffen Gebrauch und ver- suchten unter Zurücklassung der Schmugglerware zu entkommen. Zwei von ihnen gelang dies, der Dritte wurde von der Patrouille gefasst. Die folgende Untersuchung führte zu weiteren Festnahmen. Das Militärgericht verurteilte schliesslich fünf Männer aus Trübbach zu Gefängnisstrafen zwischen zwei- einhalb Monaten und 14 Tagen.17 Dass der Dienst für die seit 1917 aus anderen Kantonen stammenden Grenztruppen nicht ganz einfach war, zeigte eine lobende Erwähnung ihrer Arbeit anlässlich der Berichterstattung über den Schmugglerfall in Trübbach in der : «Anerken- nung aber verdienen die zurzeit an der Grenze lie- genden Truppen ..., welche trotz tagtäglich vorkom- mender Bestechungsversuche und den unfreundli- chen nächtlichen Kontrollgängen längs des Rheins dem Schmuggelgewerbe wacker auf den Fersen lie- 6) W&O, 11. November 1918. 7) W&O, 9. Dezember 1918. 8) In diesem Zusammenhang ist auch die Einstellung der Getreide- versorgung für das Fürstentum Liechtenstein durch die Schweiz zu sehen, welche 1916 auf Weisung der Entente erfolgte, vgl. Reich 1994, S. 38. 9) Die Schweiz und ihre Geschichte 1998, S, 302. 10) Zur Wirtschaftsentwicklung vgl. Die Schweiz und ihre Geschichte 1998, S. 302-306. 11) Eidgenössische Volkszählung 1920. Heft 8. S. 15-17. 12) W&O vom 2. Dezember 1918. 13) W&O vom 6. November 1918. 14) W&O vom 18. Dezember 1918. 15) Eidgenössische Volkszählung 2000. Bevölkerungsentwicklung der Gemeinden 1850-2000, S. 190-192. 16) Lemmcnmeier 2003, S. 59. 17) Vgl. Berichterstattung SL, 27. März und 10. Juli 1918. 95
        

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