BESTÜNDE DIESE SCHULE NICHT, MÜSSTE SIE GESCHAFFEN WERDEN / MARTINA SOCHIN Stiftung einer katholischen Kultur bei. Sie taten dies nicht nur auf bewusste, sondern auch auf unbe- wusste, nicht nur auf formelle, sondern auch auf in- formelle Art und Weise. Das täglich obligate Tisch- gebet sollte dazu in gleicher Weise beitragen wie der Hauswirtschaftsunterricht, der die Mädchen auf das Leben als Ehefrau und Mutter vorbereitete. Neben dem in die Kategorie «bewusst» einzustufenden Schulunterricht, wobei insbesondere der Religions- unterricht eine grosse Rolle spielte, sind zahlreiche in die Kategorie «unbewusst» einzustufende Ele- mente vorhanden. Durch die immer wiederkehren- de Darstellung «korrekter», edler und sittlicher Ver- haltensweisen in den verschiedensten Unterrichts- materialien, nahmen die Schülerinnen Vieles eher unbewusst als bewusst auf. Nächstenliebe, Dienst am Nächsten und Selbstlosigkeit waren häufig The- men der Diktate und Aufsätze, und die Geschichten endeten vielfach mit gut gemeinten Ratschlägen oder Ermahnungen zur täglichen christlichen Pflicht- erfüllung.269 Angefangen beim Verhalten der Schwes- tern den Schülerinnen gegenüber, bis hin zum all- täglichen Leben der Schwestern, das die Mädchen dadurch dass sie als Tagesschülerinnen in den Klos- terbetrieb eingebunden waren, unweigerlich mitbe- kamen, durchlebten die jungen Frauen im Kloster- alltag eine Fülle von Flandlungen und Interaktionen, Symbolen, Deutungen und Ritualen, die sie eher un- bewusst als bewusst aufnahmen. Interne Schülerin- nen, die nur während den Ferien nach Flause gehen konnten, waren dieser katholischen Klostergemein- schaft noch viel mehr ausgesetzt und hatten daran auch an den Wochenenden und Feiertagen teilzu- nehmen. So galt es zum Beispiel - wie an vergleich- baren Schulen auch - als selbstverständlich, dass die internen Mädchen im Namen des Klosters an der alljährlichen Fronleichnamsprozession mitlie- fen.270 Diese an der Klosterschule St. Elisabeth er- lernte und vertiefte katholische Wissenskultur präg- te das spätere Leben der Schülerinnen. Interviews mit den ehemaligen Schülerinnen zeigten, dass vie- le der Frauen durch die katholischen Strukturen der Schule geprägt wurden, diese wertschätzten und in ihren Lebensalltag aufnahmen und ihren Töchtern wiederum den Besuch des Instituts empfahlen.271 
Es kann davon gesprochen werden, dass die Mädchenbildungselite Liechtensteins - sofern die Mädchen nicht eine Internatsschule im Ausland be- suchten - vom Wissen und Verhalten der Schwes- tern an der Klosterschule für ihr weiteres Leben ge- prägt wurden. Die christliche Grundhaltung stand an der Höheren Töchterschule stets im Vordergrund und katholische Werte und Vorstellungen über das tägliche und religiöse Leben prägten den Unterricht und das sonstige Schulleben am Institut St. Elisa- beth. Neben der Vermittlung einer guten schuli- schen Ausbildung kann sicherlich die Aussage ge- troffen werden, dass die Schwestern auch die Inten- tion verfolgten, ihre Schülerinnen zu ehrlichen, ge- bildeten, mit katholischen Grundsätzen versehenen Müttern zu formen, damit diese die ihnen anerzoge- nen katholischen Werte an ihre Kinder weitergaben und diese zu christlichen Menschenkindern erzo- gen. Die Weitergabe beziehungsweise Implementie- rung der katholischen Identität und Wissenskultur kann als Wechselbeziehung beziehungsweise Me- chanismus zwischen Elternhaus und der Schule der Schwestern der ASC beschrieben werden. Die Eltern vieler liechtensteinischen Mädchen schickten ihre Kinder an die Klosterschule - um ihnen neben der 264) Heeb-Fleck, Frauenarbeit im agrarisch geprägten Liechten- stein, S. 55. 265) Diese Einstellung herrschte allgemein in katholischen Kreisen. Siehe dazu Mutter, Frauenbild und politisches Bewusstsein im Schwei- zerischen Katholischen Frauenbund, S. 55. 266) Bossart, Die Kirche Liechtensteins als Hüterin des bürgerlichen Familien- und Frauenbildes. 267) Beitrag «Stark an Schul- und Erziehungsfragen interessiert». In: Liechtensteiner Volksblatt, 24. März 1983. 268) Interview mit Frau 0. vom 29. September 2006. Frau 0. besuchte das Institut St. Elisabeth Anfang der 1950er Jahre. 269) Diktat- und Aufsatzhefte von Frau G. (besuchte das Institut St. Eli- sabeth Anfang der 1950er Jahre) und Frau L. (besuchte das Institut St. Elisabeth Mitte der 1960er Jahre). 270) Interview mit Frau M. vom 18. April 2006. Frau M. besuchte das Institut St. Elisabeth Mitte der 1960er Jahre. 271) Siehe dazu: Interview mit Frau J. vom 10. Juni 2006 (besuchte das Institut St. Elisabeth Anfang der 1960er Jahre) oder das Gespräch mit Frau P. vom 7. Februar 2007 (besuchte das Institut St. Elisabeth Endo der 1960er Jahre). 65
        

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